Denkmal-Diskussion in Siegen

Der Vorschlag Ralf Witthaus’: Agnes denkt an Heinrich – „Heimat macht aus, dass da hinten Menschen wohnen, mit denen wir verbunden sind.“ Am linken Rand des Schlossgartens ist das Denkmal Deutscher Osten zu sehen.
Der Vorschlag Ralf Witthaus’: Agnes denkt an Heinrich – „Heimat macht aus, dass da hinten Menschen wohnen, mit denen wir verbunden sind.“ Am linken Rand des Schlossgartens ist das Denkmal Deutscher Osten zu sehen.
Foto: Ralf Witthaus (honorarfrei für diesen Zweck)
Jedes Denkmal hat seine Zeit. Ob für bestimmte Erinnerungsorte die Zeit irgendwann abgelaufen ist, erörterte das Siegener Forum, und zwar gemeinsam mit Hans Hesse und Ralf Witthaus.

Siegen..  Alles zu seiner Zeit. Dass diese, viele würden sagen, Binsenweisheit, auch auf Denkmäler und Erinnerungsorte zutrifft, erläuterten am Donnerstag der Historiker Dr. Hans Hesse und der Künstler Ralf Witthaus.

Im Zuge des Siegener Forums, diesmal in Kooperation mit dem Aktiven Museum Südwestfalen, näherten sich die beiden dem Thema „’Vergesst nicht die Flüchtlinge dieser Welt’ - Möglichkeiten und Grenzen einer Transformation des Denkmals ‘Deutscher Osten’ in ein Flüchtlingsdenkmal?“ auf ihre eigene, erfrischend kreative Weise.

Das Problem: Denkmäler fangen den Geist ihrer Zeit ein. Im Fall des Erinnerungsorts am Oberen Schloss – wie bei vielen anderen der mehr als 1200 Denkmäler in Deutschland zum Thema Flucht, Vertreibung und Heimat – ist das jedoch ein Code, der heute mitunter nicht mehr richtig verstanden wird, erläuterte der Historiker: „Es bedarf der Dechiffrierung.“ Unter der Inschrift „Vergesst nicht den Deutschen Osten“ versteht der Schlossgarten-Passant in 2014 etwas völlig anderes als 1968, dem Jahr der Enthüllung. Er setzt es in einen anderen Kontext, hält es nach der deutschen Wiedervereinigung für überflüssig.

„Die Rezeption ist immer eine andere“, sagte der Wissenschaftler und spitzte seine These zu: „Denkmäler sind Zeitkapseln.“

Studenten scheitern

Das unterstrichen nicht zuletzt studentische Arbeiten, die sich mit dem Thema Erinnerungsorte auseinandersetzten.

Die „Relikte ihrer Zeit“ jedoch würden als Dokument und historische Quelle verloren gehen, würde man sie verändern. Er kenne kein gelungenes Beispiel für eine Veränderung, erklärte der Historiker, nachdem er verschiedene Varianten aus ganz Deutschland präsentiert hatte. In Siegen könnte allenfalls eine Hinweistafel funktionieren. Allerdings eine, „die mehr Wörter braucht, als sie fassen kann“.

Eine neue Perspektive für das Denkmal Deutscher Osten eröffnete Ralf Witthaus. „Das funktioniert nicht mehr“, betonte der Künstler, „das Denkmal hat Probleme, weil es nicht wahrgenommen wird“. Als eine Art Gartendenkmal, also alles andere als in Stein gemeißelt, würde seine Kunst im Schlossgarten unweit der Plastik, zu einem „Denkan“. Er würde in eine Rasenfläche „Agnes denkt an Heinrich“ oder „Maria denkt an Jakob“ mähen. Denn „Heimat“, sagte er, „macht aus, dass da hinten“ – also dort, von wo aus Vertriebene, Asylsuchende und Migranten fliehen mussten oder aufbrachen – „Menschen wohnen, mit denen wir verbunden sind“. Heimat sei weniger, „dass wir mal dort waren und nicht mehr hin dürfen“.

Auf diese Weise würde der Kontext erweitert. „Denken Sie an die 20 Millionen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland“, appellierte Ralf Witthaus an seine Zuhörer.

 
 

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