Dem Laser entgeht kein Wall und keine Hecke

Steffen Schwab
Ginsburg als 3-D-Modell
Ginsburg als 3-D-Modell
Foto: Christian Seitz

Kreuztal.  Olaf Wagener mag Ruinen lieber als Burgen, in die der Schlossherr sein zahlendes Publikum mit Filzpantoffeln einlässt. Letzteres findet er „eher langweilig — es sei denn, man fängt an, den Putz von der Wand zu schlagen.“ Richtige Ruinen laden dagegen dazu ein, so etwas wie das Flair des Mittelalters zu spüren.

Der Historiker hat sein Hobby, das er schon in seinen Littfelder Kindertagen entdeckte, nach einem ersten Leben als Rechtspfleger beim Siegener Amtsgericht zum Beruf gemacht. Im Moment arbeitet der 35-Jährige an der Heidelberger Universität an seiner kunstgeschichtlichen Dissertation über „Burgen als visuelle Kommunikationszentren“. Was das heißt? Burgen sind dazu da, von dort nach herannahenden erbetenen und ungebetenen Gästen Ausschau halten zu können. Und sie sollen auch gesehen werden können. Herrschaftsarchitektur eben.

Entdeckung am Krombacher Schlag

Mit diesem Ansatz hat Wagener sich auch die alte Nordsiegerländer Heimat noch einmal angesehen. Das Kreuztaler Stadtarchiv hat seinen kulturhistorischen Führer „Burgen und Befestigungen in Kreuztal und Hilchenbach“ im Rahmen der Schriftenreihe „Kreuztaler Rückblicke“ herausgegeben. Für die klassischen Historiker eher ungewohnt: Olaf Wagener arbeitet mit LiDAR-Scans — eine Art Luftbilder, die Bewuchs und Bebauung ausblenden. Und auf diese Weise sichtbar machen, was Forscher bei ihrer Spurensuche in Wald und Feld gar nicht sehen können. „So sehe ich auch im Wald jeden Hohlweg und jede Wallanlage.“

„Phänomenal“ nennt Wagener seine Entdeckung unweit des Krombacher Schlags: Der Scan zeigt eine Erhebung, die den Weg mit dem alten Grenzübergang von Nassau nach Kurköln abschirmt. „Eine perfekte Fünfeck-Bastion“, sagt Olaf Wagener, „so etwas habe ich an einer Landhecke noch nie gesehen.“ Womit die Frage aufgeworfen ist, welchen Sinn diese ungemauerte, mit einer Hecke bewachsene „Bastion“ gehabt haben könnte. „Das kann eigentlich gar nicht funktioniert haben.“

Jeden Hohlweg, jeden Wall liest Olaf Wagener aus den Scans ­heraus. Sogar Anhäufungen von Steinen an Wegrändern haben ihre Bedeutung: Die können dorthin gekommen sein, weil ein Feld immer in dieselbe Richtung gepflügt worden ist. „Eine enorme Erkenntnischance“, sagt der Historiker. Wo ein Feld war, war auch einmal eine Siedlung. Und vielleicht eine Burg.

Digitaler Burgenbaukasten

Wagener weiß, dass früher Wege eigens so geführt wurden, dass die Wanderer und Fuhrwerke die Herrschaftsbauten aus bestimmten Perspektiven sahen. Wie, das sollen dreidimensionale Modelle zeigen, die Wageners Kollegen Christian Seitz und Anne Paulski versuchsweise für Ginsburg und Schloss Junkernhees fotografiert und berechnet haben. Ergebnis wird ein digitaler, in die Laser-Scans integrierter „Burgenbaukasten“ sein. „Um Standorte von Burgen zu beurteilen, muss man sich von dem heutigen Straßen- und Wegenetz lösen.“

Olaf Wagener hat sein Thema gefunden — und einen ungewöhnlich modernen Zugang dazu. „Ein normaler Historiker macht so was nicht“, räumt er ein. Aber die Arbeit nur am Schreibtisch und in den Archiven wären sein Ding nicht. „So hat man die Möglichkeit, einfach mal rauszukommen.“ Die Burgen sind schließlich wirklich da. Wenn man nur genau genug hinschaut.