Chinesisch, eine Sprache mit 1000 Teekesselchen

Siegen.  Die Hand saust nach unten. Baowen Shis Handkante schneidet die Luft wie ein Schwert. Immer wieder. Zack. So zeigt die Lehrerin ihren Schülern, in welche Richtung die Betonung geht: Tang – Betonung nach unten. Denn die Melodie macht den Unterschied. In diesem Fall zwischen: super, Zucker, liegen oder heiß. Willkommen in der ersten Stunde Chinesisch. Die Sprache mit 1000 Teekesselchen.

Ni Hao. 22 Schüler sprechen im Chor. Ni Hao, mit ch wie in pochen. Es ist kurz nach 19 Uhr, über dem Fischbacherberg setzt die Dämmerung ein. Die meisten, die hier sitzen, haben bereits einen Arbeitstag hinter sich und brüten nun mit gezückten Kugelschreibern über chinesischen Schriftzeichen. Absolut freiwillig. Denn die angehenden Industrie-, Speditions- und Groß- und Einzelhandelskaufleute sind ausnahmslos gute Schüler und möchten Karriere machen.

Deutsche lernen schnell

„Asien ist ein Markt mit Zukunft“, erklärt Max Merthen, 19 Jahre, zweites Lehrjahr, sportlich, ehrgeizig. Die Herausforderung mit der Zusatzausbildung zum Asienkaufmann nimmt er gern an. „Klar, ich versuche schon immer alles zu geben“, sagt er grinsend. Seine Firma, Gimaex in Wilnsdorf, ist international tätig. So wie alle Arbeitgeber der angehenden Asienkaufleute. SMS Siemag meldete einige Azubis an, auch Vetter Fördertechnik oder Dango & Dienenthal sind dabei. Klassische exportorientierte Unternehmen. Knapp 300 Firmen im Geschäftsbereich der IHK Siegen sind in Asien tätig, allein 170 in China. „Die Unternehmen machen 80 Prozent ihrer Umsätze in Asien. Da reicht es nicht, dass man nur weiß, wo China liegt“, erklärt Patrick Helle, Koordinator der Europaschule. Zusammen mit Schulleiter Karl-Heinz Bremer konzipierte er die Zusatzausbildung Asienkaufmann. Die Kooperation aus Wirtschaft und Schule funktioniert in Siegen sehr gut, denn die IHK bezahlt den Chinesisch-Unterricht. „Das ist ein absolutes Novum“, erklärt Schulleiter Karl-Heinz Bremer stolz.

Schmidt Xiansheng ist dran. In China wird immer der Nachname, dann das Geschlecht genant. Gekonnt spricht er die vier Töne aus: Ma mit langgezogem „A“, Ma mit ansteigendem „A“, Ma mit fallend-steigendem „A“ und Ma mit abfallendem „A“. Baowen Shi klatscht in die Hände und nickt zufrieden. Sehr gut. Sie hat alle Wörter verstanden: Mama, Hanf, Pferd, schimpfen. „Deutsche lernen unsere Sprache schnell. Später sprechen sie sogar akzentfrei“, sagt die Lehrerin, sie trainierte das deutsche „R“ damals beim Zähneputzen mit einem Schluck Wasser im Mund. Für Chinesen sei es schwierig deutsch zu lernen: „Die Grammatik ist eine Katastrophe.“ Singular und Plural, Genitiv und Akkusativ, Perfekt und Präteritum – gibt’s im Chinesischen nicht. Wer zwei Brote kaufen will, sagt die Ziffer zwei und Brot. Fertig. Wer sagen will, dass etwas in der Vergangenheit passierte, fügt ein entsprechendes Wort in den Satz. Fertig.

500 Schriftzeichen in zwei Jahren

Alles so einfach. Wären da nicht die Schriftzeichen. „Davor habe ich schon ein bisschen Bammel“, gesteht Yannick Ax (19) aus Weidenau. 50.000 gibt es, viele davon werden allerdings selten genutzt. Wer die Mittelschule in China abschließt, beherrscht ungefähr 4000 bis 5000 Zeichen. „Das reicht für den Alltag und zum Beispiel zum Zeitunglesen“, erklärt Baowen Shi. Die Schüler in Siegen werden in zwei Jahren ungefähr 500 Schriftzeichen lernen und dann die Prüfung am Konfuzius-Institut in Düsseldorf ablegen. E-Mails-Lesen und Gespräche im Büro werden dann kein Problem sein.

„In der Schule in China üben wir die Schriftzeichen mit Wiederholungen“, erzählt Shi. Fünf bis zehnmal schreiben die Kinder das gleiche Schriftzeichen nacheinander. „Ein bisschen langweilig, aber so kann man sich die Zeichen gut merken.“ Auch für die Schüler in Siegen wird kein Weg drum herum führen. Denn Baowen Shis Tipp lautet: „Üben, üben, üben.“ Deshalb folgt eine weitere Sprechübung. Wo ai ni. Ich liebe dich. Die Kugelschreiber klicken. Kein Business-Chinesisch. Aber man weiß ja nie.

 
 

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