Bürgerrecht kostet zehn Taler

Festumzug 1937
Festumzug 1937
Foto: WR

Hilchenbach. Bei Jung-Stilling, dem berühmten Grunder, hatte die Stadt ihren Spitznamen weg: Weil Hilchenbach sich von Wilhelm Moritz für 6200 Gulden („Florin“) die Fleckenrechte kaufte, nannte der Dichter seinen Heimatort fortan Florenburg. Das war am 1. Mai 1687, vor 325 Jahren.

Tatsächlich hätte das zum Flecken erhobene Dorf sich eine Befestigung bauen dürfen. Die Hilchenbacher begnügten sich mit den zwei Märkten, den Einnahmen aus dem Marktstand- und dem Wegegeld sowie dem Bürgergeld: Zehn Reichstaler hatte jeder männliche Neubürger zu entrichten, fünf jede Neubürgerin. Mitzubringen waren außerdem: ein Löscheimer – was nicht verhinderte, dass schon zwei Jahre später, am Vormittag der jährlichen Bürgermeisterwahl, die Stadt fast völlig abbrannte. Und ein guter Leumund.

Stadtarchivar Reinhard Gämlich hat nachgeschaut, wie die Hilchenbacher seitdem ihre Jubiläen gefeiert haben. 1787 zum Beispiel, nach Gottesdienst und Bürgermeisterwahl, „ohne alle Lustbarkeiten und Ausschweifungen in stiller, wohlgeordneter Freude“. 144 Bürger hatte die Stadt da – bei einer „Volksmenge“ von 868 „Seelen“. In die erste Bürgerliste hundert Jahre zuvor waren 77 Namen eingetragen worden.

Telegramm an Julianeaus „fröhlicher Runde“

Zum 200-Jährigen rang sich der Flecken zu einer „geeigneten Feier“ durch: 1887 gab es Gesang und Böllerschüsse, Festumzug und Fackelzug, und an der Kirche wurde eine Linde gepflanzt. Auch 1937, zur 250-Jahrfeier, zog ein Festzug durch die Stadt – davon gibt es auch Fotos.

Groß gefeiert wurde 1987: Wieder gab es einen Festzug, wieder zogen als Seminaristen des Lehrerseminars verkleidete Hilchenbacher durch die Stadt. Anders als 1937 wurde auf Napoleons Soldaten verzichtet; dafür mimten Stadtverordnete die Verleihung der Stadtrechte – die Fraktionsvorsitzenden übernahmen die Rollen des Fürsten, seines Schultheißen und des Bürgermeisters.

Mit den preußischen Reformen wurde die Selbstverwaltung der Gemeinden stärker, die Bürgermeister wurden wichtiger. Zum Jubiläum macht die Stadt die Galerie ihrer Stadtoberhäupter noch einmal im Museum sichtbar – Bürgermeister Hans-Peter Hasenstab hatte die Porträts seiner Vorgänger nach Maler- und sonstigen Renovierungsarbeiten in den Keller verbannt.

Reinhard Gämlich kann in der Ausstellung auch Zunftbriefe und Siegel zeigen, vor allem das nach dem Stadtbrand 1689 angelegte Bürgerbuch, das bis 1938 geführt wurde: „Das ist eigentlich die Geschichte der Stadt Hilchenbach“, sagt der Archivar mit Blick auf die darin eingetragenen Steuerlisten und Ratsprotokolle. Das vom 30. April 1962 ist da natürlich nicht mehr drin, das — maschinenschriftlich — von der Festsitzung des Rates am Vorabend des 275. Jahrestags der Fleckenrechte-Verleihung berichtet.

Die vom Protokollanten erwähnten „längeren Ausführungen“ von Bürgermeister Moritz Weiss über die „Vergangenheit der Stadt“ zeugen nicht von größerer Begeisterung des Protokollanten. Dafür gibt er den Wortlaut des Telegramms wieder, mit dem die Versammlung im Deutschen Hof, mittlerweile „in fröhlicher Runde“, auch die niederländische Königin Juliane und damit die Nachkommen der ehemaligen nassau-oranischen Landesherrschaft am Stadtjubiläum teilhaben ließ — und ihr und ihrem Bernhard gleich auch zur Silberhochzeit gratulierte.

Die Fehlanzeigen zum Schluss: Nur ein Gasthof und eine Bleierzgrube trugen noch einmal den von Jung-Stilling ersonnenen Namen „Florenburg“.

SchmuckloseBürgermeister

Eine Stadtmauer, zu deren Bau der Freiheitsbrief von 1687 berechtigt, gibt es nur im Stadtwappen von 1911 mit dem darunter schreitenden Wolf. Einen Hauch von Befestigung hatte Hilchenbach ja schon: mit der einst von einem Wassergraben umgebenen Wilhelmsburg, der Residenz der nassauischen Landesherren.

Völlig ergebnislos verläuft indes die Suche nach der Amtskette des Bürgermeisters. Archivar Reinhard Gämlich kann nur den Entwurf aus Nazi-Zeiten ausstellen: „Der ist aber nie ausgeführt worden.“ Auch 325 Jahre nach der Erhebung zum Flecken ist der Hilchenbacher Bürgermeister schmucklos.

 
 

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