Bilder wie aus der Zeit gefallen

Die aus Siegen stammende Schauspielerin Sarah Maria Besgen ist leidenschaftliche Polaroid-Fotografin. Anfang 2013 hatte sie ihre erste Ausstellung in Berlin, zum Jahresende folgt ein limitierter Bildband mit ihren Werken.
Die aus Siegen stammende Schauspielerin Sarah Maria Besgen ist leidenschaftliche Polaroid-Fotografin. Anfang 2013 hatte sie ihre erste Ausstellung in Berlin, zum Jahresende folgt ein limitierter Bildband mit ihren Werken.
Foto: Hendrik Schulz
Polaroid-Fotografie hat es in sich: erst recht, seit es sie quasi nicht mehr gibt. Die aus Siegen stammende Schauspielerin Sarah Maria Besgen hat diese spezielle Form des Fotografierens dennoch für sich entdeckt. Bald erscheint ein Bildband mit ihren Werken.

Siegen..  Sarah Maria Besgen bestellt Tee mit Honig und geht gleich zum Du über. „Das ist wie mit alten Autos“, sagt die Schauspielerin über ihre Fotografien und ihr Buch, das ihr bisheriges künstlerisches Schaffen mit Polaroid-Kameras dokumentiert. „Damit gehe ich nicht den Weg des geringsten Widerstands, sondern kreiere etwas, das schwer zu kreieren ist.“ Denn die Polaroid-Fotografie hat es in sich, erst recht, seit es sie quasi nicht mehr gibt.

Film kostet 20 Euro

Vor zwei Jahren fiel Besgen ihre alte Sofortbild-Kamera in die Hände. „Trends wiederholen sich“, sagt Besgen, zumal Retro grade im Trend liegt. Die Kamera als Accessoire wäre bei Sarah Besgen abwegig, denn Polaroidgeräte sind klobig und schwer. Drauflosknipsen geht nicht. „Mit dem Aufkommen der Digitalfotografie ist die alte Technik verschwunden, Maschinen und Werkzeuge zur Herstellung der Filme sollten vernichtet werden“, erzählt sie. Eine Gruppe Liebhaber aus Berlin aber kaufte die Technik auf und experimentiert seitdem mit der Chemie herum, in der Hoffnung, der originalen Polaroid-Film-Rezeptur möglichst nah zu kommen.

„Die Fotos sehen manchmal aus wie der letzte Schrott“, grinst Sarah Besgen, „man muss ein wenig bescheuert sein, diese Mistdinger zu kaufen.“ Zumal ein Film mit acht Fotos 20 Euro kostet. „Polaroidfilme waren immer schon teuer und schlecht, jetzt sind sie noch teurer und noch schlechter“, lacht sie. Bei manchen Shootings verballert sie 80 Euro für nichts.

Aber genau das sucht die in Siegen aufgewachsene Schauspielerin. Am Rand ausgefranst, Farbfehler – diese Effekte sind ein Zufallsprodukt der Chemie im Film und das ist der Reiz für die Künstlerin: Mit schlechtem Material gute Bilder zustande bringen. Nicht nur das Pokerspiel um einen funktionsfähigen Film macht beim guten Bild Probleme. Es gibt kein Zoom, im Winter kann sie nicht fotografieren, weil sich Polaroids bei mindestens 15 Grad entwickeln müssen – eine Stunde lang. Manchmal nimmt sie Heizöfen mit, steckt sich die Bögen in die Jacke oder in die Abluftschlitze des Kühlergrills.

Es ist ein anderes Fotografieren. „Man muss sich mit dem Medium auseinandersetzen. Ich habe dabei auch viel über mich gelernt, wurde geduldiger und musste akzeptieren, dass es nicht immer so läuft, wie ich mir das vorstelle. Dafür ist es umso schöner, wenn ein Bild funktioniert. Das ist fast wie Schicksal, eine Mischung aus Selbstbestimmung und Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann.“

Nackte Schwangere

Motive findet Besgen überall, Menschen, Natur, Architektur, manche Bilder wirken durch den Schleier der alten, manchmal mangelhaften Technik wie aus der Zeit gefallen. Ein Steckenpferd Besgens sind Militär- und Industrierelikte der ehemaligen DDR. Dahin macht sie Tagestrips, in eine alte Kasernenstadt der sowjetischen Truppen etwa oder in einen verlassenen Vergnügungspark. Eins ihrer ersten Bilder ist ein toter Fuchs an einer Landstraße, den sie fotografierte, als sie mal in die Büsche musste. Nackte Schwangere, verkleidete Schauspielkollegen, eine Glaskugel aus dem Palast der Republik auf einem Spielplatz. Solche Sachen.

Zur Fotografie als Nebenstandbein der Schauspielerei brachte Besgen im März ein Freund aus Siegen, der in Berlin eine Kneipe betreibt. Sie solle doch mal ein paar Bilder dort aufhängen. „Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, dass ich so weit bin“, sagt Besgen. Sie entschied sich, die Fotos in selbstgebauten Rahmen zu präsentieren – die Bilder kosten in der Produktion so viel, dass gekaufte Rahmen, Vorsicht Wortspiel, den Rahmen sprengen würden. „Ich habe so viel Ausschuss, alle vier Filme ist vielleicht ein vernünftiges Bild dabei“, schätzt Besgen, ein bisschen soll es sich ja auch lohnen. Aus der Kneipe wurde eine Ausstellung, zu der sie jeden einlud, den sie kannte. „Um 3.30 Uhr hatte ich die Hälfte verkauft“, sagt Besgen und freut sich immer noch wie Bolle darüber. Nach einiger Zeit kam ein Galerist auf sie zu und bot ihr an, einen Katalog im Rahmen einer Edition herauszugeben. Daran hat sie jetzt ein halbes Jahr gearbeitet, jetzt erscheint das auf 100 Exemplare limitierte „worldwidepolaroid“. Nachdruck nicht ausgeschlossen, aber erstmal möchte sie diese Auflage verkaufen. Polaroids kosten schließlich Geld.

 
 

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