Benjamin von Stuckrad-Barre: In den Fesseln des Ruhms

Benjamin von Stuckrad-Barre präsentiert einen Parforceritt durch sein Leben.
Benjamin von Stuckrad-Barre präsentiert einen Parforceritt durch sein Leben.
Foto: Wolfgang Leipold
  • Shooting-Star der Popliteratur versank im Drogensumpf
  • An den eigenen Haaren zog er sich wieder heraus
  • Autor gibt Einblick hinter die Kulissen des Medienzirkus

Siegen.. Die Autokennzeichen auf dem Lyz-Parkplatz zeigen: Die Besucher kommen teilweise von weit her. Sogar Münchener Nummernschilder sind zu sehen. Das Lyz ist rappelvoll. Kein Wunder: Benjamin von Stuckrad-Barre geht ein Ruf voraus wie Donnerhall. Nicht immer ein Ruhmesblatt für ihn. Dem Shooting-Star der Popliteratur und des Fernsehens, der im Drogensumpf versank, sich aber an den eigenen Haaren wieder herauszog.

Dann kommt „Er“ auf die Bühne. Wie ein Boxer, der tänzelnd in den Ring steigt. Begleitet von Bombast-Musik und Udo Lindenbergs „Honky Tonky Show“. Doch er beginnt – was kann man von einem ehemaligen Textschreiber für Harald Schmidt anderes erwarten? – mit jeder Menge Häme über Siegen. Beispiel gefällig? Über sein Hotel: „Best Western hieße besser Worst Eastern.“

Den Wunsch des Hotels, die durch die Zeitumstellung gewonnene zusätzliche Stunde besonders zu genießen, fasst er als Drohung auf. Sein einziger Trost ist die Aussage der Empfangsdame: „Wir schließen bald.“ Doch er beschließt, bevor er hier auch nur eine Nacht verbringt, lieber durch die Nacht nach Hause zu fahren. Das alles trägt von Stuckrad-Barre so ironisch-kabarettistisch vor, dass er das Publikum im Griff hat, ohne überhaupt sein Buch „Panikherz“ aufgeschlagen zu haben.

Mit Udo Lindenberg in Los Angeles

Doch er liest auch. Etwa über seine Erlebnisse in Los Angeles, das er gemeinsam mit einem Freund besucht. Als Tourist mit einem gewissen Udo Gerhard Lindenberg, wohnhaft im Hotel Atlantik. Bei der Sicherheitskontrolle im Flughafen gibt der Dauernuschler als Beruf „Udo Lindenberg“ an und er sei das entführte Kind von Charles Lindbergh. Auch um das Rauchverbot in öffentlichen Räumen der USA kümmert sich Lindenberg wenig. Seine Zigarre geht auch bei der Zollkontrolle nie aus.

Es folgt ein Parforceritt durch sein Leben. Was von Stuckrad-Barre nicht mag sind Klassentreffen. Dort treffe er auf verfettete ehemalige Sportskanonen, endlich pickelfreie Physikexperten und Großmäuler, die ihre zweite Ehe loben, sich aber sichtbar auf die dritte freuen. Eine gnadenlose Situationskomik erlebt das verblüffte Publikum, als ein Besucher mal kurz den Raum verlässt. Vorübergehend soll der Nebenmann des Verschwundenen die Lesung übernehmen, während von Stuckrad-Barre sich solange auf dessen Stuhl setzt. Überraschung geglückt. Und: Während des restlichen langen Abends geht nur noch ein Zuschauer zur Toilette.

Autor von Harald Schmidt

Einblick hinter die Kulissen des Medienzirkus gibt der Autor, als er über seine Zeit als Pressereferent der Harald-Schmidt-Show berichtet. Produzent war damals der sensible Friedrich Küppersbusch. Schnell steigt er zum Mitautor von Harald Schmidt, dem Fernsehgott der Ironie, auf. Und er schreibt den Roman „Soloalbum“: „Vom Spiegel verrissen, von Aspekte gelobt. Besser geht’s nicht.“ Talk-Show Einladungen folgen ebenso wie Lesungen, eine TV-Serie kommt, sein Buch wird von Harald Dietl verfilmt. Kehrseite des Ruhms: Sein Absturz in die Welt der Drogen. Er lebt nur noch von Trip zu Trip. Schon morgens braucht er Gin Tonic. Bei Harald Schmidt fällt er durch und fragt sich: „Wenn der Held sich gegen einen wendet. Ist das das Ende?“

Nein! Viele Kliniken später im März 2006 trinkt er sein letztes Bier und nimmt auch keine anderen Drogen mehr. Er hat die Sucht besiegt, den freien Fall gestoppt. Das Publikum wird still und merkt, dass Benjamin von Stuckrad-Barre bei dieser Buchpassage jede Ironie bei Seite legt, ganz ernst wird und immer wieder zum Wasserglas greift. Denn er liest von seinem Überleben beim Kampf gegen den scheinbar unaufhaltsamen Absturz.

Folgen Sie der Lokalredaktion Siegen auch auf Facebook.

EURE FAVORITEN