Bahn, Bus, Auto - die ersten Meter gehen Sie immer zu Fuß

Kein Auto in Sicht. Die Harburger Elbbrücke dürfen nur noch Fußgänger und Radfahrer benutzen. Das freut diese, ist aber keine allgemein übertragbare Lösung. Verkehrsplaner setzen eher auf neue Formen des Miteinanders
Kein Auto in Sicht. Die Harburger Elbbrücke dürfen nur noch Fußgänger und Radfahrer benutzen. Das freut diese, ist aber keine allgemein übertragbare Lösung. Verkehrsplaner setzen eher auf neue Formen des Miteinanders
Foto: dpa
Beim ersten Deutschen Fußverkehrskongress in der Stadthalle Wuppertal soll die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer endlich zu ihrem Recht kommen. Noch aber seien Fußgänger "oft die am meisten vernachlässigten Verkehrsteilnehmer“, sagt NRW-Verkehrsminister Michael Groschek. Das soll sich ändern.

Wuppertal/Siegen. Der Mensch ist zum Gehen konstruiert. Auf 30 bis 40 Kilometer pro Tag ist der Körper ausgelegt. Gehen verbessert die Umweltbilanz und die Gesundheit. So sollte es sein. Doch Fußgänger leben gefährlich: Während die Gesamtzahl der Unfalltoten seit Jahren zurückgeht, steigt der Anteil der verunglückten Fußgänger. Innerorts sind 60 Prozent aller im Straßenverkehr Verletzten Fußgänger und Radfahrer. Ändern will das der 1. Deutsche Fußverkehrskongress, der gerade in Wuppertal stattfindet.

Platz für Roller und Rollatoren

Dass es der erste ist, deutet auf Nachholbedarf hin. „Fußgängerinnen und Fußgänger sind die Mehrheit, und das soll man in unseren Städten auch sehen. Tatsächlich sind sie aber oft noch die am meisten vernachlässigten Verkehrsteilnehmer“, sagte NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD) in seinem Eröffnungs-Grußwort. „Wir brauchen Platz für Roller und Rollatoren, für Fußgänger mit Kinderwagen und Gehstöcken.“

Veranstalter sind der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR), der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV), die Bergische Universität Wuppertal (BUW) und Groscheks Ministerium. Organisiert hat Jürgen Gerlach, Professor für Straßenverkehrsplanung in Wuppertal, den Kongress. Er nennt es „nach drei nationalen Radfahrkongressen überfällig, die Basismobilität, die lange Stiefkind der Planung war, wieder in die Diskussion zu bringen: Ob Sie Bahn, Bus oder Auto fahren - die ersten Meter gehen Sie immer zu Fuß.“

Sicherheit ist das große Thema

An den beiden Tagen in der Wuppertaler Stadthalle geht es um unterschiedliche Strategien für Groß- und Kleinstädte, um die Ansprüche von Kindern und Jugendlichen, um gesundheitliche Aspekte des aufrechten Gangs, in erster Linie aber um die Sicherheit.

„Entwurf sicherer Anlagen des Fußverkehrs“ hieß am Montag der Vortrag des Verkehrsplaners Prof. Jürgen Steinbrecher von der Uni Siegen. Man folgt heute einer neuen Philosophie: „Der Ansatz ist jetzt: von außen nach innen denken. Früher haben wir überlegt, wie breit die Fahrbahn werden muss und dann geschaut, was man links und rechts noch unterbringen kann. Dadurch wurden Geh- und Radwege zu schmal.“

"Viel zu viele Straßenparkplätze"

Und Breite ist wirklich entscheidend für die Sicherheit? „Platz ist wichtig“, betont Steinbrecher. „Wenn er nicht ausreicht, weichen Fußgänger auf den Radweg oder die Fahrbahn aus. Und wie gefährlich das ist, lässt sich an der Unfallstatistik ablesen.“

Künftig wird der Raum für Fußgänger und Radfahrer also bei den Autofahrern abgeknapst? Steinbrecher nennt das Beispiel der vierspurigen Hagener Straße zwischen Siegen und Wenden, die in den kommenden drei, vier Jahren umgebaut werde und danach für Autos nur noch dreispurig sein werde. Gerlach dagegen will vor allem den stehenden Verkehr beschränken: „Wir haben viel zu viele Straßenparkplätze. Öffentliche Flächen sind mit Autos und Werbetafeln zugestellt. Beides behindert die Sicht und verursacht Unfälle.“

Verkehrsraum als gemeinsamer Lebensraum

Jürgen Steinbrecher ist nicht nur Referent, sondern auch Zuhörer. Was interessiert ihn besonders auf dem Kongress? „Wie die Autoindustrie die passive Sicherheit erhöhen will, wie die älter werdende Gesellschaft mit ihren Rollatoren in die Planung eingebunden wird und wie man mit den gegensätzlichen Interessen der Sehbehinderten umgeht, die sich an Bordsteinkanten orientieren - das wird eine spannende Diskussion.“

Jürgen Gerlach hält den Konflikt zwischen Geh- und Sehbehinderten für technisch lösbar, durch Leitsysteme und unterschiedlich abgesenkte Kanten. Ihm ist generell wichtig, Verkehrsraum als gemeinsamen Lebensraum zu gestalten: „Separation gelingt nicht überall.“

Haben Fußgängerzonen sich überlebt? Verkehrsplaner Gerlach glaubt das nicht: „Wenn Geschäftsleute über zu wenig Kunden klagen, liegt das selten am fehlenden Auto, eher fehlt es anderswo an Attraktivität .“ Dennoch könnte er sich auch ein geregeltes Miteinander vorstellen, mit Zufahrtmöglichkeiten zu bestimmten Zeiten.

 
 

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