Auswirkungen des Ersten Weltkrieges im Siegerland

Das Ausstellungsteam hat Exponate von 60 Leihgebern aus dem Siegerland zusammengetragen.
Das Ausstellungsteam hat Exponate von 60 Leihgebern aus dem Siegerland zusammengetragen.
Foto: Tobias Schürmann
„Siegen an der Heimatfront 1914-1918. Weltkriegsalltag in der Provinz“, heißt die Ausstellung, die ab Sonntag im Siegerlandmuseum zu sehen ist. Durch zahlreiche private Exponate werden die Folgen des Krieges in der Heimat auch multimedial aufgearbeitet.

Siegen..  Berichte über Ereignisse des Ersten Weltkriegs sorgen auch 100 Jahre später noch für atemlose Stille. Das wird erlebbar beim „Jahresempfang des Vereins der Freunde und Förderer des Siegerlandmuseums“. Historiker Dieter Pfau rückt bei seinem Vortrag „Siegen an der Heimatfront 1914 – 1918“ sehr anschaulich und mit vielen zeitgeschichtlichen Quellen die vier Kriegsjahre in den Blickpunkt, die auch Teil der gleichnamigen Ausstellung im Siegerlandmuseum sind.

Der Vortrag

Der Kriegsbeginn Anfang August 1914 verändert Alltag und Atmosphäre in Siegen nachhaltig. Es herrscht eine patriotische Stimmung. Die Soldaten, die an die Fronten ziehen, marschieren durch die Bahnhofstraße und werden von der Bevölkerung begeistert verabschiedet. Die Kirche setzt noch einen drauf: Pastor Otto Röhrig ruft in seiner Kriegspredigt vor der Nikolaikirche: „Finstere Rachegelüste der Nachbarn haben uns den Krieg aufgezwungen…Gott leite euch zum Sieg im heiligen Krieg. Amen.“ Das Leben verändert sich auch fernab der Fronten – die Kampfhandlungen finden vorwiegend in Belgien, Frankreich und Russland statt – nachhaltig.

In der Schule wird Krieg zum Thema Nr. 1. Nach gewonnenen Schlachten gibt es schulfrei. Frauen, damals noch ohne Wahlrecht, werden Haupternährer der Familie. Sie übernehmen die Arbeitsplätze der Soldaten, bekommen aber deutlich weniger Lohn.

Besonders anschaulich werden Dieter Pfaus Ausführungen, als er die Schicksale des Abiturjahrgangs 1914 des Siegener Jungengymnasiums darstellt. Die 18 Schüler, Söhne bekannter Beamten- und Fabrikantenfamilien, sind schon kurz nach ihrer Schulentlassung in alle Winde zerstreut. Alle werden vom Kriegsbeginn überrascht, alle sind aber auch begeistert. Schon Ende August stehen 13 von ihnen an der Front. „Die Tage im August waren wunderbar“, schreibt einer von ihnen im „Feldkurier“, einem Heftchen mit Kriegserlebnissen, das zwischen ihnen hin- und hergeschickt wird. Ihre Gefühle, als aus dem Bewegungskrieg ein Stellungskrieg geworden ist und die Gräben sich in Massengräber verwandelt haben, ändern sich gründlich: „Man wird zur Maschine. Ich bin kaputt an Leib und Seele.“ Sechs von ihnen überleben den Krieg nicht. Das sieht in Arbeiterfamilien nicht anders aus, wie Dieter Pfau anhand von Briefen der Familie Fries aus Weidenau ausführt. Von deren elf Kindern sterben drei in den letzten beiden Kriegsjahren an der Front. Auch das Kriegsende und alle schrecklichen Verluste verändern aber nicht die Haltung der national-protestantischen Siegener Bevölkerung. „Willkommen, ihr unbesiegten Helden!“, steht auf einem Plakat, das sie den heimkehrenden Soldaten entgegenhalten.

Es ist ein großes Verdienst des „Vereins der Freunde und Förderer des Siegerlandmuseums“, Heimatgeschichte lebendig und greifbar werden zu lassen. Und zu fördern: Denn der Verein hat mit großen finanziellen Mitteln mitgeholfen, das Museum im Oberen Schloss in den heutigen zeitgemäßen Zustand zu versetzen, wie ihr Vorsitzender Ulf Stötzel mit berechtigtem Stolz feststellt. Und Bürgermeister Steffen Mues freut sich, dass „das Siegerlandmuseum eine moderne Einrichtung geworden ist, die einen Blick in die Geschichte wirft, ohne die Zukunft aus dem Auge zu verlieren.“

Die Ausstellung

„Es ist zwar ein trauriges Jubiläum, aber mit den Folgen haben sich in Siegen bisher wenig Leute auseinandergesetzt“, sagt Bürgermeister Steffen Mues. Daher blicke die Ausstellung dahin, wo der Krieg nicht direkt wirkte, aber „viele Familien um gefallene Söhne trauern mussten“. Insgesamt 60 Leihgeber haben private Dokumente, Fotografien und Gegenstände zur Verfügung gestellt. Von der Uniform über Pickelhaube bis hin zu zeitgenössischer Literatur. Die Flut der Exponate überraschte sogar Stadtarchivar Ludwig Burwitz: „Wir sind froh, dass wir so viele private Erinnerungsstücke bekommen haben.“

Damit auch junge Menschen einen Bezug zur Zeit entwickeln, hat die Geschichtswerkstatt eine multimediale Präsentation eingerichtet. An drei Flachbildschirmen können Besucher den Krieg mit anderen Augen sehen. „Wir wollen eine Brücke zur heutigen Zeit schlagen“, erklärt Dieter Pfau. Per Smartphone-App „Lost Generations“ wird die Geschichte von Wilhelm Fries aufgegriffen und nacherzählt. Drei seiner vier Brüder kamen während des Krieges ums Leben.

In den fünf Räumen folgt die Ausstellung einem klaren thematischen Muster. Zunächst wird die Mobilmachung in den Sommermonaten 1914 und die Kriegsverherrlichung dargestellt. Anschließend gliedert sie sich in die Erlebnisse von Kindern und Jugendlichen wie der Abiturientia 1914. Das Leben der Siegener Frauen, die Fliegerbomben und Granaten herstellen mussten – zeitweise sogar als Zugführerinnen eingesetzt wurden. Und die Männer, die Opfer des Krieges. Den Abschluss bildet die Demobilmachung. Die wechselnde Atmosphäre in der Stadt wird so zeitgemäß abgebildet und erlebbar.

 
 

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