Ausstellung – Vom Platz an der Sonne in den Heldentod

Aufbau: Auszubildende Lisann Siegfried  assistiert Museumsleiter Reinhard Gämlich.
Aufbau: Auszubildende Lisann Siegfried assistiert Museumsleiter Reinhard Gämlich.
Foto: WP
Eine Ausstellung in der Wilhelmsburg zeigt, wie Hilchenbacher dem Weltkrieg entgegenmarschieren. Sie kannbis 5. Januarzu den üblichen Zeiten besichtigt werden.

Hilchenbach.  Das waren noch Zeiten. „Herrn Bürgermeister Kocher zu seinem 25-jährigen Jubiläum“, steht auf der kaum noch lesbaren Metallplatte, „die dankbare Stadt Hilchenbach“. Dazu gehört ein riesiger Druck, der die Eröffnung des Reichstags am 25. Juni 1888 zeigt, dem Jahr, in dem Deutschland drei Kaiser hatte und mit Wilhelm II der Monarch auf den Thron kam, der Deutschland 16 Jahre später in den Weltkrieg führte.

Reinhard Gämlich holt weit aus für die Ausstellung im Dachgeschoss der Wilhelmsburg, die der Hilchenbacher Beitrag zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns sein wird. Der Krieg begann nicht am 1. August 1914. Sondern, in den Köpfen, viel früher. Beim Kampf um den Platz an der Sonne: Den Ausstellungskasten mit den „Naturgaben der deutschen Kolonien“ konnte das Hilchenbacher Stadtmuseum aus dem Nachlass der Adolf-Reichwein-Hauptschule übernehmen. Rohbaumwolle, Sisalhanf. Und ein Bananenimitat. „Meinen Opa bringe ich auch noch unter“, verspricht Reinhard Gämlich und zeigt das Foto des Schneidermeisters Franz Rücker in der Uniform der Kaiserlichen Gebirgsmarine, das am 18. März 1909 in Tsingtau aufgenommen wurde.

Für die Leser der „Hilchenbacher Zeitung“, deren letzte gebundene Bände in der Wilhelmsburg aufbewahrt werden, ist der Krieg eine Sache zwischen Österreich und Serbien, zumindest noch am 28. Juli. Die Hilchenbacher Stadtverordnetenversammlung beschließt am 30. Juli, die Stadtschule mit Efeu zu beranken. Die Ausgabe vom 1. August macht mit einer Bekanntmachung auf, in der „jede Veröffentlichung oder Mitteilung militärischer Angelegenheiten“ verboten wird. „Bange Sorgen“ ist der Artikel im Lokalteil überschrieben, der eher etwas von einem Besinnungsaufsatz hat: „Der Krieg ist etwas Schreckliches...“

Keine Woche später bittet Frau Amtmann Fuß im Inseratenteil namens des Vaterländischen Frauenvereins um „Liebesgaben“ für die Front. Backobst, Makkaroni, Cognac, Sardinen in Öl. Abzugeben in der Stifts-Turnhalle. So beginnt ein Krieg.Reinhard Gämlich hat das Museums-Magazin durchforstet. Hervorgeholt hat er die Feldpostkartensammlung, die nur am Anfang heile Welt zeigt, sehr bald aber schon Trümmer und Ruinen, durchaus triumphierend wie etwa der Gruß mit gleich vier zerbombten Memel-Brücken.

Wenige Fotos von Soldaten. Joseph Holländer zum Beispiel, in Uniform hoch zu Ross für das Vaterland, das ihn dann 1942 im KZ umbringen lässt, weil er Jude ist. Der Dahlbrucher Fritz Klein beim Maschinengewehrkurs oder mit der Gulaschkanone vor dem Café Kramer. „Die Bilder habe ich von seinem Sohn.“

Überhaupt: „Ich war erstaunt, was die Leute so alles auf dem Speicher haben“, sagt Reinhard Gämlich. Eiserne Kreuze, Bratpfannen („Der Deutschen Hausfrau Opfersinn gab Kupfer für das Eisen hin“), Bajonette, Papierlaternen in Schwarz-Weiß-Rot, den Flachmann mit dem Matrosen und seiner Südsee-Perle: „Mutter mach die Türe offen, dein Sohn kommt heim und ist besoffen.“ Nachschub ist schon angekündigt: „Die Leute bekommen mit, dass ich eine Ausstellung mache.“

Z ... in dem schweren Ringen im Westen im Alter von 28 Jahren den Heldentod gefunden.“

Und dann sind da die schwarz umrandeten Anzeigen mit dem Eisernen Kreuz. „... im Alter von 25 Jahren auf dem Felde der Ehre den Heldentod erlitten...“ „In treuer Pflichterfüllung...“ „Den Heldentod fürs Vaterland starb am 5. Oktober in Flandern während eines Patrouillen-Vorstoßes unser lieber hoffnungsvoller Sohn...“ „Fern von der Heimat und seinen Lieben starb am 25. Januar im Feindesland durch Granat-Volltreffer den Heldentod...“ „....in dem schweren Ringen im Westen im Alter von 28 Jahren den Heldentod gefunden...“ Die Ausstellung zeigt eine Auswahl aus den Jahren 1917 und 1918. „Wir hätten auch noch viel mehr machen können“, sagt Reinhard Gämlich. Was man ihm unbesehen glaubt.

Verdient am Krieg haben viele. Mit der Zahl der Opfer entwickelt sich eine regelrechte Devotionalien-Industrie. „Ehrenbücher“ mit der Kriegs- und Schlachtenhistorie, in die auf vorgedruckten „Ehrenblättern“ die Namen der Heimgekehrten und auf „Gedenkblättern“ die Namen der Gefallenen eingetragen werden, haben sich zum Beispiel die Gemeinden Dahlbruch und Allenbach zugelegt. Rang, Truppenteil, Todesart („...durch Schrapnell“), mitgemachte Schlachten und Gefechte haben die Bürgermeister oder ihre Gehilfen von Hand eingetragen.

Wohl das wenigste, was mit viel Schwulst und Kitsch die Untertanen von der Sinnhaftigkeit des Gemetzels überzeugen sollte, hat seinen Dienst wirklich getan — sonst wäre es nicht auf dem Speicher gelandet. Das gilt auch für den Schinken von 1888, den Bürgermeister Kocher, von der Dankbarkeit seiner Hilchenbacher zumindest nicht nachhaltig beeindruckt, irgendwie auch wieder losgeworden ist.

 
 

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