Auf einmal waren die Fahnen anders

Steffen Schwab
Alicia Tennenbaum berichtet über ihr Überleben des Holocaust
Alicia Tennenbaum berichtet über ihr Überleben des Holocaust
Foto: WR

Hilchenbach.  „Mein Name war Lieselotte Scherzer.“ Die Frau, die sich so vor den Zehntklässlern der Carl-Kraemer-Realschule vorstellt, wurde vor 82 Jahren in Wien geboren. Heute heißt sie Alisa Tennenbaum und lebt in Israel, im Siegen-Wittgensteiner Partnerkreis Emek Hefer. Für den Austausch war die deutsch sprechende Bibliothekarin bald unentbehrlich.1998 war sie erstmals im Siegerland zu Besuch, zum vierten Mal reiste sie jetzt eine Woche lang als Zeitzeugin zu Schulen in Niederndorf, Weidenau, Hilchenbach, Siegen und Eichen. Zeitzeugin für ein Überleben.

Zum Geburtstag heulen Sirenen

„Mein Name ist Alisa Tennenbaum.“ Sie erzählt von einer Kindheit in Wien, von bescheidenen Verhältnissen, auch von der Nachbarin, die Juden nicht mochte. Und vom 11. März 1938: „In jedem Fenster hingen die Fahen von Österreich. Aber anders.“ Mit Hakenkreuz. Österreich war an das Deutsche Reich angeschlossen. Aus der „gemischten“ Schule wurden die jüdischen Kinder hinausgeworfen, der Vater wurde verhaftet, das Geschäft von den Nazis ausgeräumt. Alisa Tennenbaum muss erklären: was die „Kristallnacht“ war, was „Zionismus“ heißt. Und auch, was ein Telegramm ist. „Das wissen die Kinder in Israel auch nicht“, lächelt die Besucherin, als sich in der alten Aula nur einer meldet.

Eine Geschichte aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Welt. Zuerst reist Myriam, ihre sieben Jahre ältere Schwester, nach Palästina aus; die Familie hat dort Verwandte. Am 27. Januar 1939 wird der Vater aus dem Konzentrationslager (KZ) Dachau entlassen; drei Monate Zeit lassen ihm die Nazis, sich die Papiere für die Ausreise zu besorgen – England ist die nächste Station. Und am 22. August 1939 muss die Mutter ein weiteres, letztes Mal Abschied nehmen: Lieselotte reist mit 600 anderen Kindern über Hoek van Holland nach England aus. „10 000 Engländer waren bereit, ein jüdisches Kind zu retten“, erzählt sie.

Der 22. August: „Zehn Tage vor meinem zehnten Geburtstag“, erinnert sie, „mit dem letzten Kindertransport“. Ihr Vater holt sie nicht ab in London, das weinende Mädchen aus Wien wird mit dem Zug in ein Kinderheim bei Newcastle weitergeschickt. An ihrem Geburtstag, dem 3. September, hört sie zum ersten Mal Sirenen. Zwei Tage nach Hitlers Überfall auf Polen ist England in den zweiten Weltkrieg eingetreten. „Wir waren jetzt Feinde.“ Zumindest verdächtig, solange sie deutsch sprachen. Was sich die Kinder abgewöhnten, indem sie für jedes deutsche Wort einen Penny Strafe bezahlten. „Es war schade um jeden Penny“, berichtet Alisa Tennenbaum, „ich habe schnell Deutsch gelernt.“

Sie hat Fotos mitgebracht: aus der Kinderzeit. Aber auch von ihrem Vater, der in Israel seinen 100. Geburtstag feiern durfte. Und ein Buch, das das französische Yad-Vashem-Komitee herausgegeben hat: Er erzählt, als Comic Strip, die Geschichte von Alisa und sieben anderen Kindern, der „enfants sauvés“, der geretteten Kinder. Denn ihre Geschichten sind gut ausgegangen. Am 1. Mai 1945 erhält sie das Telegramm des schwedischen Roten Kreuzes, dass ihre Mutter aus dem KZ Ravensbrück gerettet wurde.

Wiedersehen in Glasgow

Eine Woche später ist der Krieg vorbei. In Glasgow, wo ihr Vater nach der Entlassung aus der Armee Arbeit gefunden hat, finden sich alle wieder. „Wir waren wieder eine Familie.“ Die Mutter erzählt sich ihr Leiden von der Seele, vom Getto in Lodz, Auschwitz, Sachsenhausen, Ravensbrück. In Israel heiratet Alisa, wie sie nun heißt, gründet eine Familie. Tochter Batel, die 1972 zum Jugendaustausch erstmals im Siegerland war, begleitet sie. „Wir waren 10 000 Kinder“, erinnert Alisa Tennenbaum an den Transport von 1939. Nur 900 hatten nach dem Krieg noch einen Vater, eine Mutter oder sogar beide Eltern. Alle anderen waren Waisen.