Archäologen erforschen Siegerländer Norden im Mittelalter

Ausgrabungen in der Zitzenbach: Die Schlacken werden, nach Sektoren gegliedert, in hunderte Säcke gefüllt.
Ausgrabungen in der Zitzenbach: Die Schlacken werden, nach Sektoren gegliedert, in hunderte Säcke gefüllt.
Foto: LWL-Manuel Zeiler
  • LWL-Archäologe Dr. Manuel Zeiler spricht von „Puzzleteilchen“
  • Buch zur Zitzenbach wird 2018 veröffentlicht
  • Kindelsberg ist ein Rätsel für die Gelehrten

Kreuztal/Hilchenbach.. Ohne die Begegnung mit Rolf Golze und Thomas Mockenhaupt hätte Dr. Manuel Zeiler sich wohl noch lange nicht mit dem Thema befasst, das sich einigermaßen sensationell entwickelt: Die Aktiven des Vereins Altenberg und Stahlberg waren zu den Ausgrabungen am Gerhardsseifen in Niederschelden gefahren, um den Archäologen des Landschaftsverbands (LWL) für einen Beitrag zum montanhistorischen Workshop in Müsen zu gewinnen.

Zeiler entdeckt den Altenberg, beginnt eine nun seit drei Jahren bestehende Kooperation der LWL-Archäologie, des Deutschen Bergbaumuseums Bochum und des Müsener Vereins. „Wir verstehen erst wenige Facetten“, sagt Manuel Zeiler und spricht von „Puzzleteilchen“, die nach und nach ein Bild geben: von einer reichen Bergstadt auf der Kuppe zwischen Müsen und Littfeld, die der Hauptort der Region hätte werden können. Hier sind eine Handvoll davon:

1. Puzzleteil: Der Altenberg. Hier wurde erstmals um 1970 gegraben. „Wir müssen die alten Grabungen neu auswerten“, weiß Manuel Zeiler heute: Holzkohle, Schlacke, Erze, Hölzer, Textilien, sogar Pollen, „das Bild wandelt sich.“ Es wird vor allem viel größer: Im Süden mit den Hüttenbetrieben. Und im Norden, auf Littfelder und Burgholdinghausener Gelände, die Stollen und Halden, die — wie der 2014 erforschte Rosina-Gang — Zeugen für spätmittelalterlichen Silberbergbau sind. In den Halden dort haben die Forscher Scherben aus dem 11. Jahrhundert gefunden, aus noch älteren Bergbau also. „Wir wissen aber nicht, ob die da schon unter Tage waren.“

2. Puzzleteil: Die Stadt ohne Namen. Was da um 1200 auf dem Altenberg entstand, war nicht einfach eine Bergarbeitersiedlung. „Wer solche Häuser bauen konnte, war vermögend“, folgert Manuel Zeiler aus den mehr als zehn Grundrissen und den gemauerten Überresten. Dicht an dicht wurde gebaut, Schmied und Schuster gehörten dazu, auch ein eigener Friedhof. Das immer noch so genannte „Turmhaus“ war eine regelrechte Burg. „Fast schon städtisch“ mute das Ensemble an. Und eine Stadt, wie zum Beispiel Freiberg in Sachsen mit der vergleichbaren Geschichte, wäre auch auf dem Altenberg entstanden, wenn sie nicht 1298 abgebrannt wäre. So ist, mangels schriftlicher Überlieferung, noch nicht einmal der Name des Ortes bekannt, der, so Zeiler, „bedeutendste Ansiedlung der Region“ war. Hartherzige Bergleute hätten ihre gerechte Strafe erfahren, weiß die Sage vom „Almerich“. Daraus spreche „die neidische Sicht von außen“, sagt der Archäologe.

3. Puzzleteil: Die alte Allee, unten in Müsen, auf dem Weg zum Altenberg: In diesem Sommer haben die Archäologen nachgegraben, nachdem sie im Frühjahr mit Mitteln der Magnetik Unregelmäßigkeiten im Boden gemessen hatten. Sie fanden eine Verhüttungswerkstatt, in der das Silber aus dem Erz vom Altenberg geholt wurde. Ein Gebäude muss da gestanden haben, ein Wasserrad, mit dem der Blasebalg angetrieben wurde, um den Ofen zu erhitzen. „Das war schon was Größeres“, berichtet Manuel Zeiler. Ganz am Rande durften Thomas Mockenhaupts Schüler Zeugen werden – die Keppeler Gymnasiasten gruben einen benachbarten Meilerplatz aus. Leider keinen, der zur Verhüttung im Mittelalter gepasst hätte.

4. Puzzleteil: Die Zitzenbach. 2015 haben die Archäologen im Tal des vom Kindelsberg herunterfließenden Bachs bei Ferndorf gegraben, wiederum mit Hilfe der Ehrenamtlichen des Altenberg-Vereins. „Die haben zwei Tonnen Schlacke für uns gewaschen“, erzählt er, „das war echt cool.“ Wiederum galt das Interesse den Verhüttungsplätzen des 13. Jahrhunderts: „Wir erfassen da eine Zeit, in der etwas ausprobiert wurde“, sagt Manuel Zeiler. Technische Verfahren, um Buntmetalle aus dem Erz zu gewinnen, Kupfer, vor allem aber Silber, aus dem in Attendorn oder Siegen Münzen geprägt wurden — Geld, das Schmiermittel des Wirtschaftens in den gerade entstehenden Städten.

Bisher haben die Forscher in der Zitzenbach nur sondiert. „Verstehen kann ich das nur, wenn ich das komplett ausgrabe.“ Das braucht zwei vierwöchige Kampagnen. Und Geld. Um Forschungsmittel beantragen zu können, werden die bisherigen Erkenntnisse in einem Buch dokumentiert, das 2018 veröffentlicht werden soll. So lange weiß Manuel Zeiler das Gelände bei den Waldgenossen in den besten Händen. „Wenn da ein Acker wäre, wäre längst alles weg.“

5. Puzzleteil: Der Kindelsberg. Auch so ein Rätsel, das die Gelehrten beschäftigt. Vielleicht stand da doch schon im frühen Mittelalter eine Wallburg. „Wir werden ein Ergebnis bekommen.“ Im kommenden Frühjahr, wenn die in diesem Jahr ausgegrabene Holzkohle datiert ist. Vielleicht wird das ein Beleg, das schon um 1000, zur Zeit der Ottonen, das nördliche Siegerland militärisch erschlossen wurde. Zumindest wieder ein Puzzleteil.

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