Am Limit beim American Football

Die Spezial-Teams üben ihre Abläufe. Hier trainieren sie, den Ball zwischen die Torpfosten zu schießen und ihn nach dem Anstoß am schnellsten in die gegnerische Hälfte zu bringen.
Die Spezial-Teams üben ihre Abläufe. Hier trainieren sie, den Ball zwischen die Torpfosten zu schießen und ihn nach dem Anstoß am schnellsten in die gegnerische Hälfte zu bringen.
Foto: Tobias Schürmann
In der neuen Serie „Grenzerfahrungen“ widmet sich unser Volontär Tobias Schürmann menschlichen Grenzen aller Art – körperlichen, geistigen, persönlichen, geografischen. Beim American Football mit den Siegen Sentinels blieben auch kleinere Blessuren nicht aus.

Weidenau. Die Glück-Auf-Kampfbahn ist noch dunkel. Schemenhaft wird das Fußballfeld sichtbar. Tore und Linien. Das Flutlicht am Trainingsgelände der Siegen Sentinels fährt langsam hoch. Zwei der sechs Lichter sind kaputt. Dennoch reicht es, um den Platz in kaltes Licht zu tauchen. Eine gewisse Unruhe steigt in mir auf. Wahrscheinlich werde ich gleich derbe eins auf die Fresse kriegen.

Aber erstmal geht’s zur Taktikbesprechung. Eine winzige Umkleide, viel zu klein für die breiten Typen, die um mich herum sitzen. „Gegen Aachen müssen wir aufpassen. Die stehen tight am Mann. Unsere Running-Backs müssen da Vollgas geben.“ Spielertrainer Hans, kurze dunkle Haare, dynamischer Typ, schwört die Sentinels ein. Ich verstehe nur Aachen – und durchdenke noch einmal meine persönliche Grenz-Skala (siehe Box unten).

1-2 Einfrieren beim Aufwärmen. In Stollenschuhen geht’s die rutschigen Steinstufen hinunter zum Spielfeld. Es ist kalt. Ich friere, die Knie schlottern. Sogar die Zähne klappern. Die kurze Hose war vielleicht eine schlechte Idee... „Stell’ dich nicht so an“, brüllt mein innerer Schweinehund. Die Spieler der Defensive-Line, der Verteidigungsformation, traben nach und nach dazu. „Heute wollen wir Special-Teams trainieren. Field-Goal und Punt-Return. Danach dann Individual Drills und Scrimmage“, sagen die Trainer Daniel, Hans und Philipp. Die Spieler hocken vor ihnen auf einem Knie. Volle Aufmerksamkeit. Ich reime mir den groben Ablauf zusammen, frage aber sicherheitshalber mal bei Daniel nach. „Die Spezial-Teams trainieren, wie sie den Ball am besten zwischen die Torstangen schießen und nach dem Anstoß den Ball am schnellsten zurück in die gegnerische Hälfte tragen können. Anschließend werden alle in ihre jeweiligen Bereiche eingeteilt, bevor wir das Abschlussspielchen machen.“ Mit seinem buschigen braunen Vollbart sieht er ein wenig aus wie ein Holzfäller, sympathisch. Er lebt für seinen Sport.

Meine Knie schlottern immer stärker. Friere ich am Boden fest, bevor ich meine Grenzen erreicht habe? Nein, denn das ändert sich, als wir in die Gruppen aufgeteilt werden. Björn gibt mir eine Leihausrüstung. Ein schwarzer Helm und ein grauer Schulterschutz. Der Atem gefriert. „Schnall’ dir den Schulterschutz so fest um, wie es geht“, ruft mir ein Spieler zu. Ich ziehe an den Lederriemen unter meinen Achseln. Der Schutz spannt. Die Metallstreben des Helms lassen das Blickfeld zu einem Käfig werden.

6 Tunnelblick bei den Einzelübungen. Philipp stellt uns nebeneinander auf. „Leichtes Tackeln. Nacheinander die Linie hinauf“, sagt er. Gökhan fängt an. Ein Bär mit Helm und Schulterschutz. Einen Kopf größer als ich, schwarzer Vollbart. „Was machst du hier?“, frage ich mich.

Ich stehe am Ende der Linie. Nacheinander schiebt Gökhan die Spieler neben mir nach hinten. Es wird ernst. Das Adrenalin steigt. Beim Aufprall scheppert die Schutzausrüstung gegeneinander. Er stellt sich vor mir auf. Nimmt Anlauf und rammt mich drei Meter nach hinten. Unsere Helme krachen laut zusammen. Ich bin dran. Zögerlich schiebe ich Silvan nach hinten. „Du darfst schon zupacken“, sagt er und lacht. Ich habe Hemmungen, voll auf meinen Mitspieler zuzulaufen. Das ändert sich schnell. Bei jedem Anrennen packe ich stärker zu. Jedes Mal rumst mein Helm. Silvan, Matthias, Elbej und Gökhan machen auch bei mir ernst. Nach zwei Durchläufen schnaufe ich. Ganz schön anstrengend. Wir klatschen uns ab. „Gut gemacht, weiter.“ Als ich mir die Schnürsenkel zubinde, sehe ich Blut. Mein Finger blutet. Wie das passiert ist, weiß ich nicht. Kurz am Pullover abwischen. Weiter geht’s.

„Wir sind noch nicht fertig!“, brüllt Philipp. Tunnelblick. Wie kämpfende Büffel stürzen wir uns immer wieder aufeinander. Immer weiter. Philipp bereitet derweil die nächste Übung vor. Wir müssen die eiförmigen Bälle fangen. Von vorn, im seitlichen Lauf, während der Vordermann den Ball in der Luft abfälscht und zum Taumeln bringt. Meine Hände sind klitschnass. Ich versuche den Ball zu packen. Klappt besser, als gedacht.

4-5 Keine Übersicht beim Spiel. Nach etwa eineinhalb Stunden steht das Scrimmage, das Abschlussspiel, an. Die Teams stellen sich an der Mittellinie gegenüber auf. Im kalten Flutlicht wirkt das Ganze gespenstisch. „Huddle!“, ruft einer nach jedem Spielzug. Das Zeichen, dass jedes Team kurz im Kreis zusammenkommt und den nächsten Spielzug bespricht. „Wenn wir alle Variationen zusammennehmen, haben wir etwa 500 Spielzüge“, erklärt Philipp. Wie bei einem Zahlenschloss, hat man nur durchs Verstellen eines Rädchens nahezu unendlich viele Kombinationen.

Die Ansagen lauten: Thunder Strong Dogs Hot, Anvil Punch Hounds Stars oder Anvil Pinch Washington Eagle. Ich habe keinen Plan, aber Washington kenne ich. Das ist die Hauptstadt der USA. Philipp zeigt mir jedes Mal, was meine Aufgabe ist. Hilft nichts. Immer wieder werde ich umgerannt. Meinen Gegenspieler sehe ich nicht kommen. Da schon wieder einer. Wumms. Kurz durchpusten. „Huddle!“ und weiter geht’s. Spielzug um Spielzug.

2-3 Schmerzen beim Dehnen. Keuchend versammeln sich alle um den Mittelkreis. Matthias macht die Übungen vor. Großer Ausfallschritt nach vorn, den Oberkörper zur Seite drehen und die Hände in die Luft recken. Ich spüre jeden Muskelstrang meines Oberschenkels. „Und halten! Dreht euch so, dass ihr die Stelle findet, wo es am meisten weh tut“, ruft Matthias. Ich versuche, mich abzustützen, bloß nicht umfallen. Schmerzen! Bei dem 100-Kilo-Koloss neben mir sieht das so leicht aus. Unfassbar. „Das ist der falsche Arm“, flüstert Silvan mir zu. Schnell, unauffällig den Arm wechseln. Hat keiner gesehen – hoffentlich.

Dann hat das Leiden endlich ein Ende. Ab unter die Dusche.

Ein kurzes Video zum Football mit den Siegen Sentinels finden Sie hier.