„Alter bringt uns um Fähigkeiten“

Irmine Skelnik
Ite Goßmann, Geschäftsführerin des Entlastungsdienstes Atemlos.
Ite Goßmann, Geschäftsführerin des Entlastungsdienstes Atemlos.
Foto: Irmine Skelnik

Siegerland. Eine Atempause gönnen 230 Helfer pflegenden Familien im Kreis. Der Entlastungsdienst betreut nun seit zehn Jahren an Demenz erkrankte Menschen, die zu Hause gepflegt werden. Ein Grund zum Feiern und zurückzublicken. Die Atempause-Geschäftsführerin Ite Goßmann erinnert sich noch an die Anfänge des Vereins. Die Idee dazu hat sie damals als Vorstandsmitglied der deutschen Alzheimergesellschaft von einer Fortbildung in Nürnberg nach Siegen gebracht.

„Die hatten damals Leute ausgebildet, aber Probleme, Stellen für sie zu finden“ erinnert sich die mittlerweile 84-Jährige. Nach wie vor sei es schwierig, Eingang in eine Familie zu finden, auch wenn das Thema Demenz nun etwas aus der Tabuecke gerückt sei.

Die Kranken selbst wollten das nicht und die pflegenden Angehörigen hätten häufig Angst, dass sie Gewohnheiten aufgeben müssten. „Jemanden in der Familie zu haben, der geistig nicht richtig funktioniert, hat für viele auch etwas Beschämendes“, sagt Goßmann. Die Hemmschwelle, sich für einige Stunden täglich Hilfe zu holen, sei hoch. Einige Pflegende wollten noch nicht mal Hilfe von ihren eigenen Kindern. Bei Familien mit Migrationshintergrund gebe es Bedarf, aber besonders wenig Nachfrage. In diesem Bereich fehle es gleichzeitig auch an Kräften. „Wir versuchen immer, die passende Helferin für die Familie zu finden“, sagt die Geschäftsführerin, die ihren Posten turnusmäßig in diesem Jahr aufgeben wird.

Der Entlastungsdienst Atempause arbeitet mit mittlerweile 14 Verbundpartnern zusammen und ist nahezu überall im Kreis vertreten. Die Erfahrungen des Nürnberger Modells hätten damals gezeigt, dass es Sinn mache, direkt Fachkräfte aus dem Pflegebereich für den Entlastungsdienst weiter zu qualifizieren. Das Ungewöhnliche an dem Projekt im Kreis: Eine Krankenkasse beteiligte sich von Anfang an und stellte unter anderem die Honorare für Referenten. „Die AOK hatte schnell gemerkt, dass das ein Thema ist, das sie angeht“, sagt Goßmann. Ebenfalls von Anfang an dabei waren der Pflegekreis Wilnsdorf, der Helferkreis Kaan-Marienborn und der Freundeskreis Siegen-Süd. Zwischen 2005 und 2008 wurde der Entlastungsdienst mit 54 000 Euro jährlich aus Landesmitteln gefördert, als das Geld wegfiel, sprang der Kreis kurzfristig für ein Jahr ein. Mittlerweile finanziert sich das gemeinnützige niederschwellige Angebot selbst. Die Kosten für Helfer werden von den Pflegekassen bezuschusst, sie tragen auch einen Teil der Kosten für die insgesamt 40 Stunden Theorie und 25 Stunden Hospitanz umfassenden Qualifizierungen neuer Helfer. Drei Mal im Jahr werden diese angeboten und jedes Mal bis zu 16 neue – vor allem Helferinnen – ausgebildet, nur fünf Männer gehören aktuell dazu. Vier Mal im Jahr nehmen die qualifizierten Kräfte an Fallbesprechungen teil.

„In den vergangen zehn Jahren hat sich bei der Akzeptanz der Diagnose Demenz viel geändert“, sagt Ite Goßmann. Sie werde nun anerkannt als Erscheinung des Alters. In Zukunft werde es ohne solche Dienste wie Atempause wohl nicht mehr gehen. Nicht nur wegen Krankheiten. „Das Alter bringt uns um unsere Fähigkeiten“, sagt die 84-Jährige. Dabei gehe es nicht nur um körperliche, sondern auch um geistige, wie Konzentrationsfähigkeit und Erinnerungsvermögen. „Wir werden immer älter und bleiben länger fit, da kann es schnell passieren, dass man in seiner letzten Lebensphase Hilfe braucht.“ Vorbedingung sei, dass sich Menschen für solche Dienste einsetzen, egal ob aus caritativen oder diakonischen Gedanken heraus oder aus bürgerschaftlichem Engagement.