Alt-Bundeskanzler Schröder spricht in Siegen über Russland

Boris Schopper
Festredner: Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Siegener Apollo-Theater.
Festredner: Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Siegener Apollo-Theater.
Foto: Jens Plaum
Gerhard Schröder zu Besuch in Siegen: Dem Bundeskanzler a.D. geht’s gut. Gewiss, der beigefarbene Anzug sitzt etwas eng und die Haare sind mittlerweile grau meliert, so dass kein Boulevard mehr behaupten kann, der Altkanzler färbe sein Haupthaar. 70 Jahre alt ist Gerhard Schröder gerade geworden.

Siegen. Es ist 12.34 Uhr, als er an diesem Samstag auf die Bühne im Apollo-Theater tritt. Der Rotary-Club Siegen feiert sein 60-Jähriges. Mobiltelefone und Kameras werden gezückt. Links und rechts der Bühne stehen zwei Bodyguards vor den Eingangstüren.

Der Theatersaal ist voll. Clubpräsident Prof. Martin Hill hatte ein glückliches Händchen, als er vor einigen Monaten den Altkanzler als Festredner verpflichtete. Sicher, Gerhard Schröder ist ohnehin ein schillernder Gast für das Jubiläum eines Siegener Rotary Clubs. Doch das aktuelle politische Geschehen lässt den Altkanzler noch ein wenig spannender erscheinen: Ukraine-Russland-Konflikt, eine Geburtstagsfeier in Sankt Petersburg mit Wladimir Putin und eine herzliche Umarmung obendrauf.

Nicht alles, was in Russland derzeit entschieden werde, sei „zustimmungsfähig“, sagt Schröder am Ende seiner Rede nach einer Dreiviertelstunde. Russland sei aber ein Partner, auf den Deutschland und die EU nicht verzichten könne.

Schröder, der Charmant-Eloquente

Es dauert keine zwei Minuten, bis er auf die Putin-Umarmung zu sprechen kommt. „Bei diesem Treffen heute mit einem Präsidenten habe ich auf eine Umarmung verzichtet“, sagt der Altkanzler und dieses Schröder-Lachen aus der Tiefe seiner Bauchhöhle füllt kurz den Saal.

Schröder, der Ernsthafte

Noch einmal die Feier mit Putin. „Es war notwendig und richtig“, sagt der Altkanzler; gerade auch im Hinblick auf die „Freilassung der OSZE-Militärbeobachter“. Kontakt halten, im Dialog bleiben sei der einzige Weg in dieser Krise. Das partnerschaftliche Verhältnis zu Russland – er und seine Vorgänger von Adenauer bis Kohl hätten es stets gepflegt. „Wir sind gut beraten, diesen Kurs nicht zu verlassen“, sagt Schröder: „Dialog bedeutet nicht Kritiklosigkeit.“ Sanktionen seien der falsche Weg. „Eine Isolation Russlands ist nicht möglich.“ Die Europäische Union sei ohnehin nicht ohne Schuld am Konflikt. Die EU habe ignoriert, dass die Ukraine ein gespaltenes Land sei. Süden und Osten seien schon immer eher Russland zugeneigt gewesen, der Westen der EU. Das Land vor die Wahl zu stellen, ob es sich Europa oder Russland zuwende, sei ein Fehler gewesen. Eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine sei denkbar – „in Jahrzehnten“, so Schröder. „In der Nato wird die Ukraine sicher nie sein.“

Schröder, der Staatsmann

Wie Altkanzler Helmut Schmidt über die Weltökonomie referiert, redet Schröder über die Rolle der EU. Zwischen der Weltmacht USA und dem aufstrebenden asiatischen Raum mit China an der Spitze drohe den europäischen Ländern ein Bedeutungsverlust. Allein ein Mehr an Europa könne dafür sorgen, dass die EU eine gewichtige Rolle spiele. „Dafür brauchen wir mehr Einheit in der Wirtschafts,- Finanz- und Sozialpolitik“, so Schröder; notfalls in einem Kerneuropa des Euroraums. „Diejenigen, die mehr Integration wollen, dürfen sich nicht durch die Unwilligen bremsen lassen.“ In Russland sieht Schröder einen zentralen Partner. „Wir werden nicht auf Russland und die Ressourcen des Landes verzichten können.“ Entsprechendes gelte für die Türkei als Brücke zur islamischen Welt. „Bei allen aktuellen Problemen und wenn mir auch bei Weitem nicht alles passt, was in dem Land gerade passiert.“. Auf mittlere Sicht sei das Land ein unverzichtbarer Partner.

Schröder in eigener Sache

Natürlich. Die Agenda 2010. „Das deutsche Modell spielt eine Rolle in vielen europäischen Staaten“, sagt Schröder. Die anderen Volkswirtschaften der EU müssten zwar ihren eigenen Weg finden, aber „alle müssen wettbewerbsfähiger werden.“ Einen Seitenhieb gibt er noch seiner Partei mit. Die Rentenreform: „Was da beschlossen wurde, ist nicht gut für unsere Kinder und deren Kinder, sondern nur für eine Generation Rentner.“ Dass andere die Früchte seine Agenda ernteten, damit habe er abgeschlossen, sagt der Altkanzler und klopft sich innerlich ein wenig auf die Schulter. „Wir sind sozusagen vom kranken Mann Europas zur gesunden Frau geworden.“ Ein Gruß an die amtierende Kanzlerin.