Ältere Patienten äußern Kritik an Siegener Krankenhäusern

Blick in ein Stationszimmer im Siegerland. Pflegekräfte leiden unter enormem Zeitdruck.
Blick in ein Stationszimmer im Siegerland. Pflegekräfte leiden unter enormem Zeitdruck.
Foto: Hendrik Schulz
  • Mitteilungsbedarf bei Telefonaktion des Seniorenbeirats Siegen
  • Personalmangel wirkt sich auch auf Patienten aus, besonders Ältere
  • Kritik von Hygiene über Besuchszeiten bis hin zu Diskriminierung

Siegen..  Aus Sicht des Seniorenbeirats sind die drei Siegener Krankenhäuser nicht zufriedenstellend auf die Bedürfnisse älterer Patienten ausgerichtet. Im Rahmen einer Telefonaktion wurden zahlreiche Kritikpunkte an die Beiratsmitglieder herangetragen. Zentrale Forderungen: Mehr Personal und weniger wirtschaftlicher Druck.

Die Aktion

Der Seniorenbeirat hatte Kontakt zu den Verwaltungschefs und medizinischen Direktoren aufgenommen, um sich ein Bild von der Situation aus Seniorensicht zu machen. „Zwischen unseren Erwartungen und der Sicht der Krankenhäuser haben wir Diskrepanzen festgestellt“, so Dr. Wolfgang Bauch, Sprecher des für Gesundheit zuständigen Arbeitskreises 1; Tenor: „Es läuft doch im Grunde gar nicht so schlecht“. Im Rahmen der Telefonaktion hatten gut zwei Dutzend ältere Patienten Gelegenheit, anonym Missstände in den Krankenhäusern aufzuzeigen: Wie haben sie den Krankenhausaufenthalt erlebt?

Keines der Häuser ragt positiv oder negativ heraus, die geschilderten Probleme beträfen alle Kliniken gleichermaßen. „Es wurde durchaus auch Gutes berichtet, Fälle, wo sich das Personal bemüht hat und es wohltuende Begegnungen gab“, so Bauch.

Die Kritikpunkte

Wohlgemerkt: Bei den Schilderungen handelt es sich um Einzelfälle, der Seniorenbeirat hat Stimmen älterer Patienten eingeholt, die nicht verallgemeinert werden können.

- Hygiene: Desinfektionsspender auf den Zimmern würden tagelang nicht aufgefüllt, die Reinigung sei teils sehr oberflächlich durchgeführt worden – oder mit Wischlappen aus dem Bad auch der Nachttisch gereinigt.
- Besuchszeiten: „Die Leute kommen und gehen, wann sie wollen“, so Beiratsmitglied Dr. Maria Czell, teilweise seien noch spät Besucher in die Zimmer gekommen, ohne Rücksicht auf Zimmergenossen.
- Mangelnde Information: Patienten hätten ihre Fragen zu Untersuchung, Therapie und Diagnose häufig nicht stellen können, regelmäßige Visiten hätten nicht stattgefunden.
- Personal: Chefärzte habe man kaum zu Gesicht bekommen, Schwestern und Ärzte wechselten häufig – und hätten kaum Zeit für Patienten. Hilfegesuche für Toilettengänge oder beim Essen seien abgelehnt worden. Ein Patient habe drei verschiedene Tablettenschälchen bekommen – alle nicht seine.
- Sprachproblem: Mangelnde Deutschkenntnisse vieler Beschäftigter seien den Patienten sehr unangenehm. Das Problem gehe einher mit mangelndem qualifizierten Nachwuchs, das hätten die Klinikleitungen bestätigt, so Czell.
- Behandlungsfehler: Bedingt durch Zeitmangel seien chronische Gebrechen, Vorerkrankungen oder Dauermedikationen nicht erfasst, sondern nur die aktuelle Krankheit behandelt worden.
- Diskriminierung: Sätze wie „Was wollen Sie noch, Sie sind doch schon 80“, seien mehrfach gefallen, mit dieser Begründung gründliche Behandlungen verweigert worden.
- Entlassungsmanagement: Wohin mit alten Patienten? Diese Frage werde nicht zufriedenstellend geklärt, so Czell, eine Patientin sei nach Hause gebracht worden, wo niemand anzutreffen war – die Frau musste wieder aufgenommen werden. Angehörigen, die weiter weg wohnten, sei ein falscher Entlassungstermin genannt worden.

Das Fazit

Ein wesentlicher Kern des Problems, sagt Wolfgang Bauch, seien die sogenannten Fallpauschalen: Um wirtschaftlich arbeiten zu können, streben Kliniken eine möglichst kurze Verweildauer der Patienten im Haus an. Sie würden also nicht gesund, sondern noch auf dem Weg der Genesung entlassen. Durchaus mit der Folge, so Bauch, dass sie nach wenigen Tagen mit gleicher Krankheit wieder in die Klinik müssten. „So spart die Klinik kein Geld“, sagt Bauch.

Klar sei, dass Krankenhäuser unter wirtschaftlichem Druck stehen: „Die Menschen sind Opfer dessen.“ Gerade für Ältere sei das schwieriger zu begreifen – auch, dass das Pflegepersonal keine Zeit für ein kurzes Gespräch habe. „Sie sind froh, wenn sie wenigstens das schaffen, was sie unbedingt müssen“, so Bauch – aber ein freundliches Wort koste auch keinen Cent.

Aufgrund des wirtschaftlichen Drucks sei die Personalsituation das zweite große Problem: Es gebe nach Informationen des Seniorenbeirats keine zuverlässigen Stellenpläne; es würden immer mehr Teilzeitstellen besetzt – weil Ausfälle dann leichter kompensierbar seien. „Mehr Personal könnte sicher vieles abmildern“, so Maria Czell.

Das Lösungsangebot

Ein erster Schritt: Patienten signalisieren, dass die Krankenhäuser ihre Wünsche und Bedürfnisse ernst nehmen – Anlaufstellen für Patienten schaffen, an denen Fragen, Anregungen und Kritik geäußert werden können. Wenn es überhaupt möglich sei, trauten sich viele Patienten nicht, Probleme auch anzusprechen. „Die Menschen hatten den Wunsch, sich das von der Seele reden zu können“, so Maria Czells Eindruck. Auch nach Ende der Telefonaktion seien weiter zahlreiche Anrufe eingegangen.

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