310 Meter mehr Bachbett für die junge Lahn

Foto: WP

Nenkersdorf..  Da ist sie: Die Lahn, die die Hessen gerade zu ihrem zweitschönsten Fluss nach der Fulda gewählt haben, ist nun aus ihrem Rohr befreit und von der Quelle an sichtbar. Der Bagger, der das neu geschaffene Bachbett überspannt, bereitet gerade den Grund für den zweiten Durchlass. Was aussieht wie ein umgekippter Trog, dient künftig dem roten Höhenvieh als Brücke.

Ulrich Krumm freut sich über Frost und Schnee: „Das schont den Boden bei den Bauarbeiten.“ Der Diplom-Ingenieur leitet die Bauarbeiten, die er noch in seiner aktiven Zeit bei der Wasserbehörde des Kreises vorbereitet hat, als Ruheständler — der Pensionär erfüllt sich so ganz nebenbei den Wunsch, den Schreibtisch noch einmal mit der Baustelle zu tauschen. Und was für einer: Der Rothaarkamm mit den Quellen von Lahn, Sieg und Eder ist voll mit Bedeutung aufgeladen. Vom „Quellenreich“ sprechen die Touristiker, von der „Drei-Quellen-Stadt“ die Netphener.

Ursprünge in Sickerquellen

Quellen? Sturzquellen — das sind die, wo der Wasserschwall aus dem Fels kommt — sind hierzulande eher selten. Die Lahn kommt, wie die Sieg, ganz unromantisch aus Sickerquellen von der jeweils anderen Seite der Eisenstraße. Das Wasser sammelt sich zum Gerinne, schließlich zum jungen Bach. „Die Quelle ist der Ursprung des Gewässers“, sagt Ingenieur Krumm ganz trocken. Und der befindet sich weder im Teich neben dem Forsthaus Lahnquelle noch im Forsthaus selbst.

Dennoch: Der 1750 zum Feuerlöschen angelegte Teich, demnächst ökologisch verbessert, wird für Besucher der Ort bleiben, an dem sie den Ursprung der Lahn vermuten. Dabei gibt es die Lahn, deren Bett nun 310 Meter länger geworden ist, weil sie offen über die Lahnhof-Wiesen von Dieter Wagener plätschern darf, schon viel länger. Im Grunde seit dem Devon-Zeitalter, sagt Ulrich Krumm: „Etwa 70 bis 80 Millionen Jahre.“

Ende dieser Woche werden die Arbeiten an der Lahnquelle abgeschlossen. Dann fährt der Bagger ein paar Kilometer weiter zu einer etwas schwierigeren, von Publikum kritisch beäugten Baustelle: Denn der Ursprung der Sieg — die übrigens 90 Kilometer weniger für den Weg in den Rhein braucht als die 242 Kilometer lange Lahn — wird nicht in einem Teich oder einem Keller vermutet. Sondern in einer Mauer.

Auch wenn die Sieg längst so munter daran vorbeifließt, als ob sie sich einen Spaß daraus macht, die vermeintliche „Quelle“ zu ignorieren. Die Mauer mit der Inschrift „Siegquelle“ soll Ulrich Krumm abreißen lassen.

Raum für kleine Lebewesen

Mit den Arbeiten an den Quellen ---- auch die Ferndorfquelle bei Hilchenbach kommt 2013 noch dran — setzt der Kreis Siegen-Wittgenstein ein Sahnehäubchen auf die umfangreichen Renaturierungsarbeiten an den Bächen und Flüssen, die die Wasserrahmenrichtlinie der EU seit dem Jahr 2000 den Städten und Gemeinden aufgibt. „Vorher waren die Quellen nie so im Blick“, überlegt Ulrich Krumm, der 1974 seinen Dienst bei der Unteren Wasserbehörde des Kreises antrat. Vielleicht auch, weil es die eigenen Vorgänger beim „Kreiskulturbauamt“ waren, die die heute zur Renaturierung anstehenden Quellen in Stein und Beton fassten.

Friedlich plätschert die Lahn durch ihr neues Bett herunter nach Welschengeheu. Ob einmal Fische den Weg auf den Rothaarkamm finden, 605 Meter über dem Meeresspiegel? Eher nicht, glaubt Ulrich Krumm.

„Bei langen Trockenzeiten ist die Wassermenge zu gering.“ Andere kleine Lebewesen und Organismen werden sich allerdings in dem Gewässer bestimmt ansiedeln. Das Höhenvieh übrigens, das im Frühjahr über die neuen Brücken auf die Weiden spaziert, wird ungestört bleiben. Für eine Promenade für Zweibeiner hat der Uferstreifen nicht gereicht.

 
 

EURE FAVORITEN