Zeit ist Geld

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Rheinberg..  Es war laut gestern Mittag vor dem AOK-Gebäude. Zwanzig Autos und über dreißig Pflegekräfte der hiesigen Wohlfahrtsverbände belagerten den Vorplatz der AOK. Und gaben ein Hup- und Trillerpfeifenkonzert. Mit der Aktion „Hilfe! Mehr Zeit für Pflege!“ wollen die ambulanten Pflegedienste auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. Deshalb ging es mit einem Autokorso zunächst in Moers zur Knappschaft und zur Barmer, anschließend zur AOK in Rheinberg, um den Krankenkassen symbolisch ein Zeitschwein als Negativpreis zu überreichen. Denn an der Zeit mangelt es im ambulanten Pflegealltag massiv. Doch die Demonstranten liefen bei allen drei Kranken- und Pflegekassen gegen die Wand, denn keine einzige nahm das Zeitschwein überhaupt nur entgegen. Anweisung von ganz oben, hieß es nur. „Die Reaktion in Rheinberg war die schlimmste“, sagt Dagmar Balluff von der Grafschafter Diakonie. „Die Mitarbeiter haben noch nicht einmal von ihren Schreibtischen hochgeschaut, geschweige denn „Guten Tag“ gesagt.“

Keine Zeit für ein Schwätzchen

Über 500 Pflegebedürftige werden in Rheinberg und Umgebung von einem ambulanten Pflegedienst versorgt. Für manche von ihnen sind die Pflegekräfte der einzige soziale Kontakt am Tag. Am liebsten würden sie nach der Versorgung noch ein Schwätzchen halten oder einen Kaffee trinken. Doch die Zeiten sind schon lange vorbei. „Ein bisschen überspitzt klingt es, aber an gewissen Tagen können die Pflegekräfte noch nicht einmal fragen, wie es dem Patienten geht, weil sie keine Zeit haben, auf die Antwort zu warten“, bedauert Dagmar Balluff. In den letzten Jahren sind die Kosten für die häusliche Pflege um 20 Prozent gestiegen, sei es durch Personal-, Sach- oder Benzinkosten. Laut Caritas NRW haben die Kassen jedoch ihre Leistungen nur um sieben Prozent angehoben. Die Differenz muss von den Pflegediensten aufgefangen werden. Und da ist die Zeit meist der einzige Faktor, an dem noch eingespart werden kann. Und das leider hauptsächlich zulasten der Patienten. Aber auch auf Kosten der Pfleger, die von einem Patienten zum nächsten hetzen und unter einem enormen Zeitdruck stehen.

Daher stellen sie auch bewusst keine Forderung nach mehr Gehalt, sondern nach mehr Zeit im übertragenen Sinne. Denn nur so könne man einem Pflegenotstand entgegensteuern. Schon jetzt zählt der Beruf für junge Menschen zu den unattraktivsten. Und das liegt vor allem an den schlechten Arbeitsbedingungen.

Dass die Kranken- und Pflegekassen die Forderungen der Pflegedienste für völlig überzogen halten, kann Dagmar Balluff nicht verstehen. „Nur zwei Prozent der Aufwendungen der Kassen ist für den ambulanten Pflegebereich. Durch die ambulante Pflege sparen die Kassen doch Geld. Stationär wäre es deutlich teurer.“

 
 

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