Nicht noch mehr Lkw in Millingen

Rheinberg.  Der Fensterrahmen ist schnell wieder sauber. „Da“, sagt Barbara Ettwig, „muss ich ja nur mit dem Lappen drüber wischen.“ Wenn das mit dem Staub mal immer so einfach wäre. Ist es aber nicht, sagt die stellvertretende Fraktionssprecherin der Grünen. Denn in der Luft bleibt er und in der Lunge. Und bald könnte er noch mehr werden für die Menschen in Millingen und Ossenberg. Mehr Dreck, mehr Lärm, mehr Verkehr - drei Gründe von mehreren, warum die Rheinberger Grünen der geplanten Ansiedlung zweier Großlogistiker auf dem Solvaygelände sehr skeptisch gegenüberstehen.

Gesamtbelastung sehen

Bekanntlich entstehen auf der westlichen Seite des Solvay-Areals zwei Logistikzentren, eins davon von der Baumarktkette Bauhaus. Mit insgesamt 600 Arbeitsplätzen und einer Menge Verkehr, gerechnet wird mit 600 Lkw pro Tag. Die grüne Fraktion, so Sprecher Jürgen Bartsch, sei schon überrascht gewesen, als im jüngsten Bauausschuss die Pläne präsentiert worden seien. Erstmals gehe es um eine Ansiedlung, die rein gar nichts mehr mit Chemie zu tun habe. Was die Frage aufwerfe, wohin die Solvay sich orientieren werde. Drängender sind für die Grünen allerdings andere Punkte. So gibt es einen gültigen Bebauungsplan für dieses Gebiet, und das bereits seit Mitte der 70er Jahre. Gebe es bei einem so alten Bebauungsplan denn die aktuellen, modernen Vorgaben in Sachen Lärm und Luft, gebe es eine Umweltverträglichkeitsprüfung, wie sehe es mit dem Bundesimmissionsschutzgesetz aus? Das müsse geklärt werden, die Grünen wollen eine Anfrage auf den Weg bringen.

Wenn über Belastungen der Bevölkerung gesprochen wird, ist den Grünen eins ganz wichtig: Bitte nicht jede Ansiedlung isoliert betrachten, sondern das Gesamtbild ansehen. 600 Lkw pro Tag, die über die Bundesstraße abfließen, seien eben zusätzliche 600 Lkw.

Viel Betrieb an der Kreuzung

Die B 57 sei ohnehin schon belastet, die 600 kämen jetzt noch oben drauf. In der Vorstellung des Projektplaners sei der zusätzliche Verkehr überhaupt kein Problem. Wenn die Lkw das Werksgelände verlassen, sollen sie nur die Möglichkeit haben, nach rechts in Richtung Bundesstraße abzubiegen. In Richtung Millingen soll die Ausfahrt so verengt werden, dass keiner links abbiegen könne. Das, sagt Bartsch, würde er erst einmal gerne sehen. Er und Barbara Ettwig halten die Vorstellungen des Planers in diesem Punkt für sehr idealistisch. Der kürzere Weg für die Lkw zur Autobahn führe nun einmal durch Millingen. Wie der Verkehr so gelenkt werden könne, dass er nicht diesen Weg nehme, sei bislang noch nicht überzeugend dargestellt worden. Und auch der Weg in Richtung Solvay-Kreuzung und von dort auf die Bundesstraße sei eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Die Kreuzung sei jetzt bereits stark belastet. 600 Lkw pro Tag zusätzlich müsste sie verkraften, ganz abgesehen davon, dass auch die 600 Beschäftigten mit ihren Privat-Pkw anreisen würden.

Ebenfalls eine noch ungeklärte Frage: Gibt es Möglichkeiten, den Verkehr so abfließen zu lassen, dass die Anwohner nicht darunter leiden müssen, zum Beispiel durch eine direkte Anbindung an die Bundesstraße? Dazu müssten die Lkw übers Werksgelände der Solvay fahren - ein Sicherheitsrisiko, so der Projektplaner in der Bauausschusssitzung.

600 Jobs, die im Endausbau der beiden Logistiker entstehen, sind natürlich eine Hausnummer. Arbeitsplätze sind wichtig, sagen Barbara Ettwig und Jürgen Bartsch. Aber auch die Kehrseite, die Belastungen für Anwohner und Umwelt, dürften nicht vergessen werden. Wie sehe es mit der Lebensqualität in Rheinberg aus?

Verbrauch wertvoller Flächen

Und noch ein Kritikpunkt: Amazon und DHL sind schon da, jetzt kommen zwei weitere Logistiker. Zum einen würden wertvolle Flächen verbraucht - die betreffenden Solvay-Flächen sind mit 125 000 Quadratmetern 15 000 Quadratmeter größer als Amazon -, zum anderen werde die Stadt zum reinen Logistikstandort, es bestehe die Gefahr einer Monostruktur.

Im Bauausschuss hatten die Ausschussmitglieder die Pläne „positiv“, wie es in der Vorlage hieß, zur Kenntnis genommen. Nur die Grünen nicht. Weil es viele Kritikpunkte gebe, so Bartsch, das müsse wohl abgewogen werden. Und die Frage sei: „Wohin entwickelt sich die Stadt?“