Europaschule Rheinberg – mehr Teilhabe, weniger Ausgrenzung

Auch in der Klasse 7c der Europaschule Rheinberg gibt es Inklusion.
Auch in der Klasse 7c der Europaschule Rheinberg gibt es Inklusion.
Foto: NRZ
„Inklusion bedeutet: Wir haben alle Schüler im Blick – nicht nur die mit Unterstützungsbedarf, sondern auch die mit besonderen Begabungen!“

Rheinberg..  „Inklusion bedeutet: Wir haben alle Schüler im Blick – nicht nur die mit Unterstützungsbedarf, sondern auch die mit besonderen Begabungen!“ Mit dieser Erklärung macht Martin Reichert deutlich, wie umfassend das Thema Inklusion an der Europaschule angegangen wird, dass sie alle 650 Kinder an der Schule betrifft. Reichert ist als Abteilungsleiter I Mitglied der Schulleitung und zuständig für Inklusion. Sie sieht er als „einen Weg, wie man hinfindet zu Minimierung von Ausgrenzung und Maximierung von Teilhabe“.

Auf dem Weg dorthin hat das Kollegium ein „Instrument entwickelt: die Entwicklungskonferenzen“, erzählt Sonderpädagogin Sabine Stendel. „An diesen Konferenzen nehmen Abteilungsleitungen, Klassenlehrer, Sonder- und Sozialpädagogen teil. Dabei werden Fälle besprochen. Wir schauen, wie wir vorgehen, unterstützen können.“ In diesen „multiprofessionellen Arbeitskreisen“, so Reichert, bringen „die unterschiedlichen Beteiligten all ihr Know-how ein und entwickeln unterschiedliche, individuelle Lösungen“. Dieses Angebot werde sehr gut angenommen, freut sich Stendel. „Wir hatten in diesem Schuljahr schon zehn dieser Konferenzen.“ Vier stehen noch auf der Warteliste.

In diesen Konferenzen geht es nicht nur um Schüler mit festgestelltem Förderbedarf. Stendel: „Wir haben eine riesige Bandbreite. Kinder mit Unterstützungsbedarf sind nur ein Baustein.“ Nicht nur die Pädagogen sind im Hinblick auf Inklusion gefragt, sondern die Schüler werden auch mit eingebunden. „Sie übernehmen eine Verantwortungspartnerschaft für andere. Wir hatten zum Beispiel ein Kind, das nicht schwimmen konnte. Erst ein Buddy, ein Mitschüler, hat es mit viel Liebe und Mühe geschafft, dass das Kind ins Wasser kommt“, sagt Reichert. Lehrern war das nicht gelungen.

Stendel hat erlebt, wie ein Kind mit Förderbedarf anderen etwas beibringt. „Wir haben einen sehr guten Zeichner in einer Klasse, der Design, Gestaltung macht und handwerklich sehr begabt ist. Er hat einmal eine Origamischleife gebunden und das acht Mädchen und zwei Lehrerinnen beigebracht – mit sehr viel Geduld!“

Geduld ist beim Thema Inklusion immer gefragt. Reichert: „Sie passiert nicht plötzlich. Der Arbeitskreis Inklusion tagt vier Mal im Jahr. Dabei werden verschiedene Themen besprochen. Das erste Thema ist unser Konzept. Wohin wollen wir, was können wir verbessern? Und in Fachkonferenzen werden Unterrichtsmaterialien entwickelt. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen klappt hervorragend.“

In die Entwicklungskonferenzen kann jeder Lehrer mit seinen Anliegen kommen, auch mit der Unterforderung von Kindern. Regelmäßige Teilnehmer sind auch Vertreter der Eltern, des Kreises Wesel, Ergotherapeuten, Logopäden.

Schülerstützpunktals Rückzugsraum

Vier Sonderpädagogen gibt es an der Europaschule, für jeden Jahrgang einen. Das ist angesichts der großen Herausforderung Inklusion nicht sehr viel. Hinzu kommt noch, dass ein Sonderpädagoge, abgesehen von der 1. und 2. Stunde, ständig im sogenannten Schülerstützpunkt vor Ort ist. „Das ist ein Rückzugsraum für Schüler, die gerade in der Klasse nicht klarkommen. Dort können sie sich Hilfe holen, auch nachmittags“, erläutert Stendel.

Jedem einzelnen Kind gerecht zu werden wird auch mit dem individuell gesteuerten Lernen versucht. Reichert: „Das sind vier Stunden pro Woche, zusätzlich zu Deutsch, Englisch und Mathematik. In dieser Zeit können Übungsaufgaben zum Abbau von Defiziten genutzt werden oder die Kinder arbeiten an ihren Stärken, indem sie besondere Herausforderungen gestellt bekommen.“ Da sich die Europaschule dem kooperativen Lernen verschrieben hat, werden so auch fachliche mit sozialen Zielen verbunden.

Auch wenn die Pädagogen manchmal an ihre Grenzen stoßen, ist Reichert mit dem Erfolg der Schule zufrieden. „Wir bekommen jedes Kind ganz gut gefördert. Sehr leistungsstarke Schüler ziehen die anderen mit und werden dadurch nicht schwächer!“

Die Kenntnisse, die das Kollegium in Sachen Inklusion gesammelt hat, werden auch mit anderen geteilt. Stendel: „Wir haben an jedem zweiten Freitag im Monat Besuch, Gäste aus anderen Schulen hier. Dieser Termin ist immer ausgebucht. Wir sind zwar noch lange nicht am Ende unseres Wegs angekommen, aber wir können viel weitergeben!“

Eine große Hilfe sei die Unterstützung durch die Integrationshelfer. „Da muss ich die Stadt sehr loben“, sagt Stendel. Dank des Einsatzes der Verwaltung können so 20 Stunden pro Woche und Jahrgangsstufe flexibel eingesetzt werden. Auch die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt sei sehr eng, so Stendel.

SpezielleFortbildung

Eine Vorbereitung auf den Unterricht bekommen auch neue Lehrer. Reichert: „Sie erhalten eine spezielle Fortbildung von den Sonderpädagogen.“ Für Eltern gibt es ein Elterncafé, Schüler werden gegebenenfalls auf neue Klassenkameraden vorbereitet – als zum Beispiel zwei autistische Kinder an die Europaschule kamen, wurde den Mitschülern erklärt, was Autismus bedeutet. Stendel: „Es gilt von Anfang an die Verschiedenartigkeit deutlich zu machen: Dann ist sie schließlich kein großes Thema mehr!

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