Erinnern, um nicht zu vergessen

Foto: dapd

Rheinberg. Es war ein schöner Sommertag, der 24. Juli. Andreas Bögner war mit Frau und Tochter in Moers. Zum Bummeln mit anschließendem Restaurant-Besuch. Ein paar Leute am Nebentisch erzählten davon, noch nach Duisburg fahren zu wollen.

Zur Loveparade. Eigentlich ist das auch die Musik von Andreas Bögner. Techno und Rave. Hat der Moerser früher auch gehört. In der „Königsburg“ in Krefeld. Oder im Duisburger „Plastique“. „Wenn ich keinen Dienst gehabt hätte, wäre ich sicherlich auch hingefahren.“

Um 16 Uhr klingelte das Handy

Aber Andreas Bögner hatte an diesem Samstag Dienst, Rufbereitschaft als Rettungssanitäter des DRK-Stadtverbandes Rheinberg. So setzte sich die Familie am Nachmittag zu Hause vor den Fernseher, um im WDR die Loveparade zu verfolgen. Kurz nach 16 Uhr klingelte das Handy. „Da wurde das DRK von der Zeit eingeholt“, wird Andreas Bögner am nächsten Tag in die Pressemitteilung schreiben. Zunächst aber wusste der 40-Jährige nicht, was die Stunde geschlagen hatte. Mit rund 20 anderen DRKlern aus Rheinberg und Umgebung fuhr Bögner zunächst zum Sammelpunkt in der Duisburger Uni. „Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch gar nichts von der Katastrophe.“ Gegen 17 Uhr aber „ging alles sehr schnell.“ Das Rheinberger DRK-Team wurde zur A59 geschickt, um genau über Karl-Lehr-Straße einen Behandlungsplatz einzurichten. „Mit dem, was im Tunnel passiert war, hatten wir aber direkt nicht zu tun.“ Bögner und sein Team behandelten in der Folge junge Leute mit leichteren Blessuren oder im Schockzustand, fuhren rund ein

Dutzend Transporte in die umliegenden Krankenhäuser. „Wenn man wie ich lang genug dabei ist, lernt man mit der Situation umzugehen“, erklärt der Speditionskaufmann. Allerdings kam in dieser Woche alles zusammen. Am Sonntag zuvor hatte Andreas Bögner noch mit seinen Rheinberger Sanitätern Verletzte bei dem Busunfall auf der A42 bei Kamp-Lintfort versorgt. „Natürlich denkt man dann schon mal über die Geschehnisse nach, schließlich sind wir auch nur Menschen“, sagt Andreas Bögner. Zudem hatten Bögner und sein Team keinerlei Erfahrung bei Großeinsätzen. „Das geht schon an die Nieren.“

Mit der Familie zum Tunnel

Psychologische Betreuung habe dennoch keiner seiner Kollegen gebraucht. Die wöchentliche Besprechung am Dienstag danach nutzte das Team zur Aufarbeitung des Erlebten bei der Loveparade. Ein Ereignis, das auch Andreas Bögner noch intensiv beschäftigte. Ein paar Tage später hat er sich mit seiner Familie den Tunnel angeguckt - auch eine Art von Vergangenheitsbewältigung. „Meine Güte, der ist unwahrscheinlich flach, dazu kam noch die Wärme, die unheimliche Menschenmasse. Da kann man schnell in Panik verfallen.“

Bis um 1 Uhr in der Nacht war Bögner auf der A59 mit der Versorgung der Verletzten beschäftigt. „Viele sind uns auch zu diesem Zeitpunkt noch entgegengekommen, die gar nicht wussten, was passiert war. Die haben sich über die vielen Rettungswagen gewundert.“ Der 40-Jährige war wie viele andere dafür, die Loveparade nicht sofort abzubrechen. „Das wäre wegen der Menschenmassen fatal gewesen.“

Die Arbeit der Rettungssanitäter will Andreas Bögner ausdrücklich loben. „Das war alles sehr gut organisiert, alles hat einwandfrei geklappt.“ Den 24. Juli 2010 wird Andreas Bögner aber niemals vergessen. Es war kein schöner Sommertag....

 
 

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