Eine Familie aus Orsoy

Paul, Kurt, Karl Rosenberg (Ehemann von Herta Friedemann) Max und Walter.
Paul, Kurt, Karl Rosenberg (Ehemann von Herta Friedemann) Max und Walter.
Foto: WAZ FotoPool

Rheinberg-Orsoy.. Sie hatten die Invasion herbei gesehnt. Dem Tag, an dem die Alliierten in Frankreich landen würden, entgegengefiebert. Wie Golda Friedemann. Dabei hätte sich die junge Frau, die mit dem gebürtigen Orsoyer Max Friedemann war, sich gar nicht aufregen dürfen.

Denn Golda war hochschwanger. Die Aufregung am D-Day am 6. Juni blieb nicht ohne Folgen. Am 8. Juni, also ein paar Wochen zu früh, kam ihr Sohn Andre zur Welt. Im französischen Exil, in Carcassonne. Max und Golda Friedemann, beide jüdischen Glaubens und beide Kommunisten, hatten Deutschland 1934 verlassen, waren über einen Umweg über Dänemark in Spanien gelandet und nach dem Bürgerkrieg nach Frankreich geflohen. Sohn Andre hat bereits einige der Stationen im bewegten Leben seiner Eltern erkundet. In der nächsten Woche kommt er nach Orsoy. Dorthin, wo sein Vater Max zur Welt kam. Nur wenige Mitglieder der Orsoyer Familie haben überlebt. Für diejenigen, die von den Nazis ermordet wurden, werden am Donnerstag Stolpersteine verlegt. Im Beisein von Andre Friedemann, seiner zwei Töchter und seiner Kusine Ruth Fluss, die heute in Israel lebt.

Aktive Rolle in der
Resistance

Andre Friedemann, heute 66 Jahre als und Diplom-Ingenieur im Ruhestand, wohnt mittlerweile in Berlin. Er hat ein bewegtes Leben hinter sich, alleine zehn Mal, so hat er ausgerechnet, habe er die Schule wechseln müssen. Denn Vater Max, der in Wirtschaft und Politik in der ehemaligen DDR aktiv war, war ein gefragter Mann und musste häufig beruflich bedingt umziehen -und die Familie gleich mit ihm. Max und Golda Friedemann hatten sich an dem Ende des Krieges kurzfristig in Paris niedergelassen und sich dann ganz bewusst entschieden, ihr Leben im Ostteil Deutschlands aufzubauen. „Alles zu tun, damit sich die Geschichte nicht wiederholt“, sei immer das Anliegen seines Vaters gewesen, sagt Andre Friedemann. Seine Eltern hatten nicht nur in Spanien gelebt, sondern dort eine aktive Rolle im Bürgerkrieg auf Seiten der Republik gespielt und sich auch später in der Illegalität in Frankreich, nachdem sie aus dem berüchtigten Lager Gurs geflohen waren, in der Resistance hervorgetan. Als ehemaliger Spanienkämpfer war Max Friedemann ein gefragter Gesprächspartner gerade für Jugendliche. Und hier erinnerte er immer wieder daran, dass so etwas nie wieder passieren dürfe.

Die Geschichte der Familie, die Vergangenheit der Eltern sei immer Thema gewesen. Immer übrigens mit dem Schwerpunkt kommunistischer Widerstand, das Judentum habe für seine Eltern nicht im Vordergrund gestanden. Aber es habe einen gewissen Punkt gegeben, an dem sein Vater in seinen Erzählungen nicht mehr habe in die Tiefe gehen wollen. „Wenn man mehr wissen wollte, war es schwer, ein Gespräch zu führen. Er hat dann einfach auf Fragen nicht geantwortet.“

Lebensstationen
der Eltern

Andre Friedemanns Vater starb 1986. Als der Eiserne Vorhang fiel und der heute 66-Jährige reisen durfte, fuhr er erstmals nach Frankreich, um sich die Stätten anzusehen, von denen seine Eltern erzählt hatten. Die Tragik, so sagt er heute, sei gewesen, dass seine Mutter zu diesem Zeitpunkt bereits so krank gewesen sei, dass sie die Fragen, die dann auftauchten, nicht mehr beantworten konnte. Geblieben sind Andre Friedemann die zahlreichen Unterlagen seines Vaters, Manuskripte und vieles mehr. Eigentlich hat er vor, sich einmal hinzusetzen und sie zu sichten und zu ordnen. Dazu ist er bislang noch nicht gekommen. Und dann muss er schmunzeln. Sein Vater habe sein Leben immer aufschreiben wollen, sei aber ebenfalls nicht dazu gekommen. „Er sagte, er habe keine Zeit.“

Natürlich kennt Friedemann die Erinnerungen seiner Tante Herta. Sie war das Nesthäkchen der großen Familie in Orsoy und hat ihr Leben aufgeschrieben. Viele nette Episoden aus Orsoy sind dabei, Erinnerungen, die auch Max Friedemann seinem Sohn erzählt hat. Von dem beschaulichen Leben in Orsoy, vom Orsoyer Brot, vom Treiben in einer großen Familie. Und wie das so ist bei so vielen Kindern, einer muss immer schuld sein - in diesem Fall sein Vater, erinnert sich Andre Friedemann an diesen Satz.

Das Kaufhausbesitzerpaar Emma und Simon Friedemann hatte sieben Kinder. Eins davon, Ernst, starb bereits 1919. Überlebt haben Max, Paul und Herta. Herta hatte 1934 Karl Rosenberg geheiratet, in Berlin Kontakte zu kommunistischen Kreisen bekommen und war 1936 in Köln wegen Hochverrat angeklagt worden. Sie kam ins Gefängnis, brachte 1937 ihre Tochter Ruth zur Welt und konnte 1939 nach England entkommen. Paul Friedemann war mit einer Nichtjüdin verheiratet, die zu ihm hielt, es schaffte, ihn aus dem Konzentrationslager Buchenwald zu holen und kurz vor Kriegsbeginn Visa für die USA zu bekommen. Paul nahm später den Namen Peter Franken an. Er starb Anfang 1990 in der Schweiz. Auch ihn hätte Andre Friedemann gerne kennen gelernt, hatte auch schon Reisepläne gemacht., als die Mauer fiel. Aber dann starb der Onkel.

Die Reise der
Verdammten

Die meisten Mitglieder Familie Friedemann wurden von den Nazis ermordet. Seine Großmutter Emma in Auschwitz, sein Großvater Simon in Theresienstadt. Sein Onkel Walter schaffte es, gemeinsam mit seiner Frau eine Passage auf der St. Louis zu bekommen. Das Schiff und die Schicksale seiner Passagiere sind spätestens durch den preisgekrönten Film „Die Reise der Verdammten“ bekannt. Nur wenige Menschen konnten in der Neuen Welt an Land gehen, alle anderen mussten zurück nach Europa. So auch Walter Friedemann. Er floh nach Frankreich, wurde in Gurs interniert und 1942 deportiert und ermordet, vermutlich in Auschwitz. Hier wurden auch seine Geschwister Thea und Kurt, der Zwillingsbruder von Max, umgebracht.

Ein Platz,
um zu trauern

Andre Friedemann ist nicht das erste Mal in Orsoy. Anfang der 1990-er Jahre hatte er sich für einen Job in Kevelaer interessiert und nutzte das Bewerbungsgespräch für eine kurze Stippvisite. Mit dem Buch von Heinz Janssen in der Hand schaute er sich um. „Ein kleiner Ort“, so seine Erinnerung. Da das Haus seiner Familie nicht mehr existiert, „war es alles in allem etwas unpersönlich“.

Das Projekt Stolpersteine kennt er bereits aus Berlin, „beeindruckend und bemerkenswert“. Für ihn ganz persönlich haben die Stolpersteine noch eine besondere Bedeutung. Er sei um seine Großeltern betrogen worden. Jetzt habe er einen Platz, wo er sie finden und um sie trauern könne.

 
 

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