Ein Konzept für die Zukunft

Ein strukturierter Alltag in häuslicher Atmosphäre:
Ein strukturierter Alltag in häuslicher Atmosphäre:
Foto: WAZ FotoPool / Gerd Hermann
Zwei Jahre nach ihrem Start gibt’s für die Tagespflege Rheinberg eine positive Bilanz: Derzeit belegen 51 Gäste an unterschiedlichen Tagen 18 Pflegeplätze – und die Nachfrage steigt.

Rheinberg..  Wir werden immer älter – und das stellt uns wie unsere Angehörigen vor Herausforderungen. Denn: Gut zwei Drittel aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause betreut, überwiegend von der Familie. „Pflegende Angehörige sind sehr häufig total ausgepowert“, weiß Dietrich Meffert, Geschäftsführer der Tagespflege Rheinberg. Die Pflege fordere oft körperliche und psychische Höchstleistung.

Mit 18 Plätzen ging die Tagespflege Rheinberg im Betrieb ihres Tochterunternehmens, der Grafschafter Diakonie, vor zwei Jahren an den Start – „mit derzeit 51 Gästen sind wir aktuell voll ausgelastet“, zieht Meffert jetzt Bilanz.

Ziel der Tagespflege sei es zum einen, durch strukturierte Tagesabläufe die Selbstständigkeit und Beweglichkeit der Gäste zu erhalten, oder sogar zu verbessern. Gleichzeitig solle sie die Angehörigen entlasten: „Für viele ist es schön, mal wieder alleine einkaufen gehen zu können“, sagt Anja Werner-Kubitz, Leiterin der Tagespflege. „Hier wissen sie ihre Angehörigen gut aufgehoben und versorgt.“

Keinen Anspruch verschenken

51 Gäste auf 18 Plätze verteilen – das ist auch eine logistische Herausforderung. „Vor allem, wenn jeder einen speziellen Sitzplatzwunsch hat.“ Dank unterschiedlicher Pflegezeiten gehe das Konzept aber auf, sagt Werner-Kubitz. „Manche Gäste kommen täglich, andere nur ein-, zweimal in der Woche.“ Wichtig sei, dass die Entlastung nicht zur finanziellen Belastung für die Angehörigen werde.

Was viele nicht wissen: „Wenn eine Pflegestufe und zusätzliche Betreuungsleistungen bewilligt sind, wird mindestens ein Tag von der Pflegeversicherung finanziert, ohne dass die Pflegegeld- oder Pflegesachleistung gekürzt wird“, erklärt Dagmar Balluff, zentrale Pflegedienstleiterin. „Wer das nicht weiß, verschenkt seinen Anspruch.“

Dabei sei die Hemmschwelle, die Tagespflege in Anspruch zu nehmen – sowohl bei Betroffenen als auch bei deren Angehörigen – deutlich geringer, als sich etwa für einen dauerhaften Umzug in ein Altenheim zu entscheiden – das zeige die Erfahrung, sagt Pflegedienstleiterin Anja Werner-Kubitz.

Für viele Gäste sei die Tagespflege eine willkommene Abwechslung von ihrem Alltag , die Möglichkeit, „auch mal raus zu kommen“. Die pflegenden Angehörigen hätten Zeit für sich – und das ohne schlechtes Gewissen. Denn damit hätten viele zu kämpfen: „Wer sich für die Tagespflege entscheidet, hat häufig weniger das Gefühl, seinen Angehörigen abzuschieben und sich damit aus der Verantwortung zu stehlen“, glaubt Werner-Kubitz.

Dabei sind es nicht Menschen, die ohnehin ambulant gepflegt werden, die die Tagespflege in Anspruch nehmen, sagt Geschäftsführer Dietrich Meffert: „Die meisten unserer Gäste kommen aus Familien, die sonst alles alleine zu Hause machen.“ Dafür bringen Angehörige oder ein Fahrdienst Betroffene sogar aus Rheinhausen nach Rheinberg: Etwa 20 Prozent sind von außerhalb, rechnet Meffert vor. „Dass wir in Rheinberg Tagespflege anbieten, spricht sich in der Nachbarschaft schnell rum“, glaubt Werner-Kubitz. Doch es gebe auch Anrufe von Mitarbeitern aus Krankenhäusern und anderen Pflegeeinrichtungen, die Hilfe für überforderte Angehörige ihrer Patienten suchen.

Strukturierter Alltag ist wichtig

Die Nachfrage für einen Tagespflegeplatz für Menschen mit Demenz habe man vor zwei Jahren noch unterschätzt, sagt Pflegedienstleiterin Dagmar Balluff. „Damals sind wir mit Demenztagen gestartet. Heute sind an jedem Tag dementiell veränderte Menschen da, sie sind auch in der Überzahl.“ Für sie seien strukturierte Tagesabläufe besonders wichtig – daher gibt es jeden Tag ein gemeinsames Frühstück, danach wird aus der Zeitung vorgelesen und über das aktuelle Tagesgeschehen gesprochen. Fragespiele sollen das Langzeitgedächtnis aktivieren und auch die Gespräche unter den Gästen fördern.

Und das offenbar mit Erfolg: „Inzwischen haben wir eine Auslastung von durchschnittlich 95 Prozent erreicht“, sagt Meffert. Und die Nachfrage steigt. „Wir würden sofort die nächste Tagespflege aufmachen.“

Pläne dafür gibt es schon: In Moers will die Grafschafter Diakonie in den kommenden Tagen ein Grundstück kaufen – „vielleicht wird das auch für die Tagespflege genutzt“, sagt Meffert. „Für pflegende Angehörige ist das jedenfalls das wichtigste Angebot.“

Die Tagespflege ist sie montags bis freitags geöffnet. Wer sich nicht sicher ist, ob sie etwas für ihn oder einen Angehörigen ist, kann sich die Einrichtung einen Tag kostenlos ansehen.

Die Kosten hängen auch von der Pflegestufe ab und werden individuell berechnet. Für einen Betroffenen mit Pflegestufe I liegt der Tagessatz bei 54,58 Euro, hinzu kommen pro Tag 19,09 Euro für Unterkunft und Verpflegung. In der Regel wird dabei mindestens ein Tag von der Pflegeversicherung finanziert.

Mehr Infos unter: www.grafschafter-diakonie.de

 
 

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