Die Lust aufs Lernen

Carmen Friemond
Kerstin Eggert sucht ständig neue Herausforderungen. Sieben Ausbildungen hat sie schon hinter sich gebracht.
Kerstin Eggert sucht ständig neue Herausforderungen. Sieben Ausbildungen hat sie schon hinter sich gebracht.
Foto: WAZ FotoPool
Kerstin Eggert ist Ratsmitglied und gehört zum Fahrerteam des neuen Rheinberger Bürgerbusses. Sieben Ausbildungen hat die gebürtige Essenerin schon hinter sich gebracht und die Lust aufs Lernen noch immer nicht verloren.

Rheinberg.  Der Lebenslauf war vorgezeichnet. Schulabschluss, Ausbildung, Beruf, und den durchziehen bis zur Rente. Bei ein- und demselben Arbeitgeber. Hatte sich Kerstin Eggert so gedacht. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt und wenn diejenige, um die es geht, auch noch jemand ist, der unglaublich neugierig und wissensdurstig ist, wird die Geschichte eine ganz andere. Es ist die von einer Frau, die sieben Ausbildungen hat, die in einen 24-Stunden-Tag so viel packen kann, wie andere in einer Woche nicht bewältigen können, und die immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist. Zum Beispiel Bürgerbus fahren. Am Freitag wird der Bürgerbus offiziell übergeben, am Montag der Betrieb aufgenommen. Und Kerstin Eggert gehört - als einziges Ratsmitglied - zum Team der Fahrer.

Etwas größer als eine Parkuhr

Ein weiter Weg für das Mädchen, das 1970 in Essen-Werden auf die Welt kam und in Altenessen aufgewachsen ist. „Groß geworden kann man bei meiner Höhe ja schlecht sagen.“ 158 Zentimeter, gerade mal acht Zentimeter größer als eine Parkuhr. Das hat sie mal ihren Schülern so gesagt und fand es lustig. Die reagierten aber gar nicht, „ich musste erst einmal erklären, was eine Parkuhr ist. Kennen junge Menschen gar nicht mehr.“

Kerstin Eggert stammt aus einer Arbeiterfamilie, Politik und Engagement sog sie mit der Muttermilch auf. Wurde gestreikt und demonstriert, gab’s Kundgebungen am 1. Mai, nahm der Vater seine Älteste immer mit. Grundschule, Realschule, aber bloß kein Abi. „Alle, die zum Gymnasium gegangen waren, wurden irgendwie doof“, schmunzelt sie. Eine Ausbildung sollte es sein und ganz früh wusste sie auch welche. Das erste Experiment im Chemieunterricht machte sie neugierig. Wie konnte es sein, dass eine Mixtur von klaren Flüssigkeiten und Sandkörnchen plötzlich eine blaue Flüssigkeit ergibt? „Wie geht das, das wollte ich ganz genau wissen.“ Sie machte eine Ausbildung zur Chemielaborantin, arbeitete fünf Jahre in dem Beruf, „und dann brauchte ich mehr Input, auf Dauer war mir das zu langweilig.“

Die nächsten 14 Jahre besuchte sie die Abendschule, wurde staatlich anerkannte Chemietechnikerin, sattelte ihren Diplom-Ingenieur in Verfahrenstechnik obendrauf, zwischendurch machte sie noch einen Ausbilderschein. Während des Studiums zum technischen Fachwirt studierte sie ein Jahr die kaufmännische Seite des Berufs, die ihr ansonsten zu kurz kam, es folgte der Master in Maschinenbau und ein Referendariat. Heute unterrichtet sie an einer Berufsschule in Gelsenkirchen.

Vielleicht wäre die Formulierung „zurzeit unterrichtet sie“ die treffendere, denn wer weiß schon, was Kerstin Eggert in fünf Jahren beruflich machen wird. Bislang habe sie alle fünf bis sechs Jahre die Jobs gewechselt, tauche etwas Spannendes auf, „und da will ich dann unbedingt hin“. Es ist die Lust aufs Lernen, die sie antreibt, immer wieder etwas Neues auszuprobieren. Übrigens niemals nur ein bisschen – was sie macht, sagt sie über sich selbst, mache sie hundertprozentig. Ende der 90er Jahre lernte sie ihren zweiten Mann während des Studiums kennen. Sie ein Kind des Ruhrgebietes, er ein gebürtiger Niederrheiner aus Straelen, „wir haben uns einen Wohnort in der Mitte gesucht“. In Orsoy, „eine Art letzter Außenposten vorm Ruhrgebiet“.

Wer sich mit Kerstin Eggert unterhält, erlebt einen ungeheuer energiegeladenen Menschen, einen mit einer unglaublich positiven Ausstrahlung. Natürlich habe sie auch dunkle Stunden gehabt, ihre Scheidung, ein paar Jahre arbeitslos, aber dann schaut sie wieder nach vorn. Eine positive Lebenseinstellung mache vieles leichter. Zum Beispiel das ungeheure Pensum, das sie tagtäglich absolviert. Während ihrer vielen Aus- und Weiterbildungen hat sie immer gearbeitet. „Schlimm war eigentlich nur das erste halbe Jahr, da musste man sich eben neu organisieren.“ Das Studieren sei doch nicht schwer, „man muss nur durchhalten“.

Jetzt drückt sie abends nicht mehr die Schulbank, dafür engagiert sie sich in vielen ehrenamtlichen Bereichen. Zum Beispiel bei den Rheinberger Grünen. Als sie und ihr Mann nach Orsoy kamen, „habe ich mir gesagt, wenn das meine neue Heimat ist, dann will ich mich dafür auch einsetzen.“ Mitte der 80er Jahre hatte sie bereits ihr Interesse für Umweltfragen entdeckt, als die zweite Welle der Anti-Atomkraftbewegung losrollte. Schneller Brüter in Kalkar, Wackersdorf, um nur zwei Stichworte zu nennen. Also lag es nahe, sich bei den Grünen umzusehen und in der Kommunalpolitik aktiv zu werden. Im DGB-Ortsverband ist sie stellvertretende Vorsitzende, hier ist die familiäre Prägung die Ursache. Und dass sie Bürgerbus fährt, liegt daran, dass Kerstin Eggert eine große Anhängerin des Öffentlichen Personennahverkehrs ist. Der müsse auch auf dem Land ausgebaut werden. Sehr spät erst hat sie ihren Führerschein gemacht, am Niederrhein gehe es eben meistens nicht ohne Auto.

Hat die Frau denn überhaupt noch Zeit für Hobbys? Ja, hat sie. Gärtnern, stricken, kochen, und zwar in der Reihenfolge. Und als wenn das nicht schon genug wäre, sind sie und ihr Mann auch noch leidenschaftliche Madeira-Fans und lernen deshalb an der VHS in Duisburg fleißig Portugiesisch. Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht. Es gäbe noch viel, was Kerstin Eggert sich vorstellen könnte. „Ich will immer zu viel auf einmal, möchte am liebsten alles gleichzeitig machen.“ Es dürfte spannend bleiben. Zum Beispiel deshalb: „Meine Promotion habe ich noch nicht weggeschoben.“