Der Ansturm auf die Wahlurne bei Amazon

Arbeiterinnen verpacken Ware.
Arbeiterinnen verpacken Ware.
Foto: WAZ FotoPool
2800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durften Mittwoch bei Amazon ihren ersten Betriebsrat wählen. Hohe Wahlbeteiligung.

Rheinberg.. Anfangs haben Tim Schmidt und seine Mitstreiter im Wahlvorstand versucht, Strichlisten zu führen. Um den Überblick zu haben, wie hoch die Wahlbeteiligung ist. „Aber irgendwann haben die Leute uns überrannt.“ Kein Wunder. Rund 2800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Amazon-Logistikzentrum waren gestern aufgerufen, ihren ersten Betriebsrat zu wählen. Und das hat die überwältigende Mehrheit getan. „Ganz vorsichtig geschätzt“, so Schmidt am frühen Abend, „dürfte die Wahlbeteiligung weit über 85 Prozent gelegen haben.“ Ein endgültiges Ergebnis gab es gestern erst nach Redaktionsschluss, die Auszählung dauerte bis spät in den Abend.

Sieben Vollmitglieder hat der Wahlvorstand, außerdem sieben Ersatzmitglieder. Für die war es ein langer Tag. Die ersten rückten bereits um sechs Uhr morgens an, um einen Teil der Kantine in ein Wahllokal zu verwandeln. Mit Beginn der Schicht kamen die Kolleginnen und Kollegen, um zu wählen. „Endlich“ war wahrscheinlich das Wort, das Schmidt und sein Wahlvorstand besonders häufig gehört haben. Endlich geht’s los, endlich bekommen wir einen Betriebsrat, der ist wichtiger denn je waren die Kommentare im Wahllokal.

Vier Listen standen zur Wahl, eine von Verdi, drei von Mitarbeitern aufgestellte. Bei 2800 Wahlberechtigten wird der Betriebsrat 21 Mitglieder haben, fünf davon sind freigestellt. Zu den ersten Dingen, die das Gremium angehen wird, dürften die Pausenregelungen und die Parkplatzsituation gehören. Letztere vor allem auch im Hinblick darauf, dass Amazon die Belegschaft weiter ausbauen möchte. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Bezahlung, so Schmidt. Die sei allerdings eine Aufgabe für die Gewerkschaft, weniger für den Betriebsrat. Verdi hatte in der Vergangenheit immer wieder gefordert, dass die Amazon-Mitarbeiter wie andere in der Logistikbranche bezahlt werden müssten.

Jetzt muss sich der neue Betriebsrat konstituieren. Wann das genau sein wird, kann Schmidt noch nicht sagen. Die gewählten Betriebsratsmitglieder müssen ihre Wahl annehmen, da sind Fristen zu beachten, dann wird die Einladung für die konstituierende Sitzung herausgehen. Schon im Vorfeld hatten Schmidt und Verdi gelobt, dass Amazon sich bei den Vorbereitungen für die Betriebsratswahl kooperativ gezeigt habe. Überhaupt, so Schmidt im Hinblick auf die Berichterstattung über die Zustände im Logistik-Zentrum in Bad Hersfeld in den vergangenen Wochen, sei es in Rheinberg „relativ entspannt“.

Froh über die Chance

Aber die Mitarbeiter litten schon unter der Hetze, die in Teilen der Medien verbreitet würde. „Viele werden angesprochen, von Verwandten oder Freunden, wie kannst Du da arbeiten?“ Zum einen hätten die meisten keine Lust mehr, sich zu rechtfertigen. Und zum anderen seien viele, gerade ungelernte Kräfte, froh, eine Chance bekommen zu haben.

 
 

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