An der baulichen Schwelle zur Vergangenheit

Martin Hebgen restauriert mit seinem Team den „Weißen Raben“. Auch diese wunderschöne Stuckdecke aus dem 18. Jahrhundert.  Fotos: Markus Weissenfels
Martin Hebgen restauriert mit seinem Team den „Weißen Raben“. Auch diese wunderschöne Stuckdecke aus dem 18. Jahrhundert. Fotos: Markus Weissenfels
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Das einzige noch erhaltene Barockgebäude in Rheinberg, der „Weiße Rabe“, wird aufwändig saniert. Viele verschiedene Kostbarkeiten gilt es zu erhalten.

Rheinberg..  Das Haus ist eine kleine Reise in die Vergangenheit. Wer über die Schwelle tritt, der sieht sich in eine Zeit versetzt, in der begüterte Menschen ihre Häuser wie ein Kunstwerk gestalteten. Mit opulenten Stuckdecken, wunderschönen Deckengemälden, aufwändig gestalteten Kaminen und Wänden mit handbemalten Delfter Kacheln. Nicht viele Häuser machen eine solche Reise in die Vergangenheit möglich. In Rheinberg ist es genau genommen nur eins. Der „Weiße Rabe“, das einzige noch erhalte Barock-Bürgerhaus. Das hat der Unternehmer Franz-W. Aumund gekauft, zurzeit wird es saniert.

Oder besser gesagt, restauriert, denn mit Martin Hebgen hat Aumund einen ausgewiesenen Fachmann für historische Gebäude engagiert. Die Liste seiner Referenzobjekte allein für das Jahr 2010 dürfte für sich sprechen: Stadtmauer Duisburg, Rathausgebäude Düsseldorf, Folkwang Universität der Künste. Hebgen ist nicht nur Architekt, zunächst machte er eine Ausbildung als Steinmetz, mit seinem Duisburger Büro ist er auf Denkmäler spezialisiert.

Schieflage von 14,5 Zentimetern

Und so spricht er selbst auch vom „kontrollierten Rückbau“, der zurzeit läuft. Kontrolliert, weil ein historischer Bau aus dem 17. Jahrhundert behutsam angefasst werden muss, „erschütterungsarm“, sagt Hebken. Nicht umsonst gehören zu seinen Mitarbeitern viele Restauratoren. Die wissen, was sie erwartet, denn bevor im April die Arbeiten begannen, gab es umfangreiche Voruntersuchungen und Analysen des Gebäudes. Bauteile wurden freigelegt, häufig finden sich an Decken und Wänden zurzeit kleine weiße Klebezettel. Jedes Detail muss berücksichtigt werden, bis hin zu den in früheren Zeiten handgebrannten Ziegeln und Bindemitteln, die ganz andere Beschaffenheiten hatten als heute. Und noch eine Besonderheit: Über die gesamte Länge hat das Gebäude eine Schieflage von 14,5 Zentimetern.

Die Rheinberger sehen im Moment nur das Gerüst, das den „Weißen Raben“ einhüllt. Das wird auch noch eine Weile so bleiben, lediglich das Wetterschutzdach verschwindet Ende September. Dann kommt der neue Dachstuhl drauf, wie das - eben nicht mehr statisch sichere - Original aus Eiche. Zusammengesetzt wurde der Dachstuhl auch so, wie früher gearbeitet wurde.

157 Quadratmeter Grundstück, mehr als 300 Quadratmeter Nutzfläche vom Keller bis zum Dachgeschoss bietet der „Weiße Rabe“, der bis vor wenigen Jahren ein Privatwohnhaus war. Das Haus stammt vermutlich aus dem Jahr 1650, der Gewölbekeller ist sogar noch älter, aus dem 16. Jahrhundert. Mit einem wunderbaren Ziegelboden, schwärmt Hebgen. Den hat er kartieren und aufnehmen lassen, um ihn für die Zeit der Arbeiten zu schützen. Dass er Zeugnisse mehrerer Jahrhunderte findet, überrascht ihn nicht. Der Keller ist aus dem 16. Jahrhundert, das Haus aus dem 17., aber auch mit Bauteilen aus dem 18. Jahrhundert. Alte Häuser können spannende Geschichten erzählen. In Rheinberg, so der Architekt, seien fast alle alten Keller miteinander verbunden gewesen. Eine praktische Sache, schließlich war die Stadt in der Vergangenheit oft heiß umkämpft, so konnten die Menschen unterirdisch fliehen.

Stuckdecke aus dem 18. Jahrhundert

Das Erdgeschoss besticht durch wunderbare Details. Durch das Eingangsportal mit Bleiverglasung zum Beispiel. Fällt ein wenig Sonnenlicht darauf, entwickelt das Glas eine Leuchtkraft, als wäre es erst gestern auf Hochglanz poliert worden. Oder, anderes Beispiel: Hier gibt es Räume mit wunderbaren Decken, wie die Stuckdecke aus dem 18. Jahrhundert. Verschiedene Kassetten sind mit pastellfarbenen Blumenmustern gestaltet. Im Großen und Ganzen prima erhalten, aber auch mit Mängeln, die behoben werden müssen. Im ersten Stock dann die ehemalige Küche. Hier gab’s einen Delfter Kachelkamin, eine Kostbarkeit. Die Kacheln sind handbemalt, speziell gebrannt - und im Moment leider nicht zu sehen, da sie in einem Fachinstitut in Hamburg untersucht worden sind.

Der Blick von innen auf das Eingangsportal mit den Bleiverglasungen. 70 Zentimeter Mauerwerk

Wer heute saniert, saniert energetisch. Auch das ist natürlich ein Thema. Die Mauern, erklärt Hebgen, sind 60 bis 70 Zentimeter dick, das sei schon einmal eine gute Basis, die Dämmung quasi schon vorhanden. Geheizt wird später mit Gas, über eine flächendeckende Fußbodenheizung. „Die Fenster sind ein Schwachpunkt.“ Schöne Schiebefenster, auch nicht mehr die Originale, aber trotzdem alt. Hier wird ein Vorfenster angebracht, um die Denkmaloptik nicht zu stören.

Wenn Martin Hebgen aufzählt, was noch alles zu tun ist, hört sich das für den Laien nach einer Lebensaufgabe an. Der Fachmann sieht das anders. „Wir liegen voll im Plan und danach sind wir im Frühjahr 2013 fertig.“

HINTERGRUND

Wenn es um die Kosten für die Sanierung des „Weißen Raben“ geht, dann hält sich die Unternehmensgruppe Aumund zurück. Die Rede ist von einem „hohen sechsstelligen Betrag“. Zur künftigen Nutzung gibt es noch keine Angaben, höchstwahrscheinlich wird es sich um gewerbliche Nutzung handeln. Ob Franz-W. Aumund alle Räume für seine verschiedenen Unternehmungen nutzen wird oder ob zum Beispiel die Stadt mit einer Touristeninformation, die einmal im Gespräch war, einziehen wird, ist vollkommen offen.

 
 

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