Amazon verschickt jetzt auch Spirituosen und Lebensmittel

Wer in den Supermarkt geht, weiß, was er kauft. Das ist vor allem bei frischen Lebensmitteln von Vorteil.
Wer in den Supermarkt geht, weiß, was er kauft. Das ist vor allem bei frischen Lebensmitteln von Vorteil.
Foto: Herold
Seit diesem Jahr verschickt Amazon aus Rheinberg auch Spirituosen und haltbare Lebensmittel. Die Konkurrenz hat das Unternehmen auf dem Radar.

Rheinberg/Alpen. Auf einer Lagerfläche von rund 17 Fußballfeldern lagert an der Amazonstraße 1 so ziemlich alles, was das Herz begehrt. Vom Fernseher über die elektrische Zahnbürste bis hin zur Winterjacke für die kalten Dezembertage — hier ist für jeden etwas dabei. Neuerdings stehen bei Amazon allerdings Produkte in den Regalen, die man so gar nicht mit dem Online-Versandhändler verbinden würde.

Eine Dose Ravioli, Nahrungsergänzungsmittel wie Eiweiß-Shakes oder spezielle Riegel, aber auch eine riesige Bandbreite an Spirituosen: Amazon erweitert seine Produktpalette und bläst zum Angriff gegen den deutschen Lebensmittelhandel. Wem es also schon vor überfüllten Supermärkten bei den Weihnachtseinkäufen graust, der hat nun eine Alternative. „Für viele Kunden ist es einfach ein praktischer Service“, erklärt Standortleiter Karsten Frost. „Vor allem Kunden, die täglich sehr lange arbeiten müssen, haben oftmals keine Lust, sich nach Feierabend noch durch die Supermärkte zu kämpfen. Da ist der Gedanke, einige Produkte mit wenigen Klicks direkt nach Hause liefern zu lassen, ziemlich angenehm.“

Frische Produkte werden (noch) nicht aus Rheinberg versendet

Der Service nennt sich Amazon-Pantry. Wird ein Produkt aus dieser Palette wie zum Beispiel Lebensmittel und Getränke, aber auch Beautyprodukte oder Babybedarf in den Warenkorb gelegt, startet automatisch eine so genannte „Pantry-Box“. Die hat eine Füllmenge von bis zu 20 kg und wird von Amazon mit einer Versandkostenpauschale von 4,99 Euro berechnet. Wer nun aber glaubt, er können seinen gesamten Wocheneinkauf bei Amazon erledigen, ist auf dem Holzweg. Denn: Frische Produkte werden (noch) nicht aus Rheinberg versendet. „Dafür haben wir aktuell einfach nicht die passenden Voraussetzungen. Eine spezielle Kühlkette müsste eingehalten, spezielle Lagermöglichkeiten geschaffen werden“, erklärt Frost. In den USA gehört der Service, der sich Amazon Fresh nennt, aber zumindest in großen Städten schon zum Standard. Und auch für Deutschland gehen Experten davon aus, dass Amazon in naher Zukunft hierzulande nachziehen wird und dann auch frische Lebensmittel direkt bis vor die Haustür liefert.

Bleibt die Frage: Was bedeutet das für die Lebensmittelmärkte in der Region? Thomas Luft, Inhaber der Edeka-Märkte in Alpen und Borth, weiß um die mögliche Konkurrenz. „Im Drogeriebereich sind wir natürlich angreifbar.“ Bei Lebensmitteln macht er sich jedoch weniger Sorgen: „Die Kunden wollen die Ware sehen und unsere Beratung in Anspruch nehmen. Das ist online schwieriger.“ Der Geschäftsmann ist sich sicher, dass beispielsweise Frau Schmitz lieber in den Markt komme, den sie seit 30 Jahren kenne. Schließlich, so wisse er es aus eigener Erfahrung, spiele Vertrauen eine große Rolle. Und auch die Sinne sollte man nicht unterschätzen. „Wenn man in einen Supermarkt geht, spielen die Sinne eine große Rolle. Der Geruch der Backwaren, das Stück Fleisch, das ich mir aussuche: Das sind Sachen, die kann ich online nicht erzielen.“

Einzelhandelsverband beschäftigt sich seit langem mit dem Thema

Thomas Luft weiß aber auch, dass der Einzelhandel in Bezug auf Spirituosen oder auch Konserven wesentlich angreifbarer ist, denn diese Produkte seien austauschbar. Auch der Einzelhandelsverband beschäftigt sich seit langem mit dem Thema Onlineversand in der Lebensmittelbranche. Stand heute seien Amazon und Co. zwar eine ernstzunehmende Konkurrenz für den Lebensmittelhandel, macht Wilhelm Bommann, Hauptgeschäftsführer des niederrheinischen Einzelhandelsverbands (EHDV), deutlich. Der Anteil des Onlinehandels mache für den Lebensmittelhandel jedoch weniger als einen Prozent aus. Befürworter legen diese Zahl als positiv aus und sagen: „Das wird extreme Wachstumsraten haben.“ Auf der anderen Seite heiße es: „Das spielt auch zukünftig keine Rolle.“ Wer am Ende Recht behält, wird sich aber erst in den kommenden Jahren zeigen. Immerhin ist Amazon Fresh hierzulande noch nicht am Start.

Anhand der Entwicklungen in den vorigen Jahren könnten Versandriesen wie Amazon trotzdem gefährlich für den Lebensmitteleinzelhandel werden: „Wenn man sieht, wie sich die Logistik verändert hat mitLieferzeiten von zwei bis drei Stunden oder noch schneller, dann ist es auch sicher möglich, sensible Produkte onlinefähig zu machen.“

Für Luft ist das noch kein Grund zur Besorgnis. Zwar bietet auch er mittlerweile in seinen Märkten einen Lieferservice an, das aber aus anderen Gründen: „Das ist für uns reiner Service und Verantwortung unseren Kunden gegenüber, die hier seit Jahren einkaufen.“

Abholstationen für die Zukunft?

Im Einzelhandel macht man sich jedoch schon Gedanken über die Zukunft: So würden bereits Abholstationen getestet werden, die vor allem für vielbeschäftigte Menschen von Vorteil wären.

Wäre nur zu klären, wer denn für den Schaden aufkomme, wenn ein Kunde seine Ware mal nicht abholen würde. „Das ist eine Kehrseite der Medaille“, unterstreicht Bommann. Am Ende gilt es aber auch in der Lebensmittelbranche: „Jeder Umsatz, der an den Onlinehandel verloren geht, ist für den stationären Handel schmerzlich.“

 
 

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