500 Patienten ohne Hausarzt

Die drei vom Hausarztzentrum: (v.r.) Tobias Kaspar, Mehmet Dumanoglu und Dr. Markus
Die drei vom Hausarztzentrum: (v.r.) Tobias Kaspar, Mehmet Dumanoglu und Dr. Markus
Foto: WAZ FotoPool
Nach dem Tod von Dr. Georg Spätling haben drei Sonsbecker Ärzte ein Problem. Ihnen drohen hohe Geldstrafen, weil sie ihr Budget überziehen mussten – um Kranke nicht auf der Straße stehen zu lassen

Sonsbeck..  Anfang April ist der Sonsbecker Allgemeinmediziner Dr. Georg Spätling verstorben. 500 Patienten hat der Arzt bis dahin in seiner Praxis betreut. Die standen plötzlich ohne Hausarzt da. In den Nachbarkommunen wollte sie niemand aufnehmen. Dafür seien die Sonsbecker Ärzte zuständig, hieß es. „An der Praxis von Dr. Spätling hat jemand ein Schild aufgehängt, auf dem stand, dass wir zuständig sind. Und dann ist hier alles zusammengebrochen“, erinnert sich Dr. Markus Witkiewicz vom Sonsbecker Hausarztzentrum an der Herrenstraße.

Nach Marienbaum zum Hausbesuch

Die Verordnung der Kassenärzte besagt, dass kein Patient aus dem Ort, in dem der Arzt niedergelassen ist, verweigert werden darf. Die Verordnung sagt aber nicht, wer die Rechnung bezahlt, denn das Budget von Dr. Spätling liegt auf Eis. „Gnadenquartal“ nennt man die Zeit, in der die Verbliebenen die Einnahmen noch für sich verbuchen dürfen und die übernehmenden Ärzte leer ausgehen. Um danach die rund 500 zusätzlichen Patienten abrechnen zu können, müsste der Gemeinschaftspraxis der Sitz des verstorbenen Arztes zugerechnet werden. Das wird am 10. Juni bei der Budget-Tagung der kassenärztlichen Vereinigung entschieden. Die Chancen dafür schätzen die Sonsbecker Mediziner als äußerst gering ein.

Dass die zusätzliche Belastung so groß ist, liegt auch daran, dass Dr. Spätling einen überalterten Patientenstamm hatte, der ihm zudem trotz Umzug treu blieb. „Wir fahren für einen Hausbesuch bis nach Marienbaum, das bezahlen wir aus unserer Tasche“, erklärt Hausarzt Mehmet Dumanoglu. Die hohe Altersstruktur der neuen Patienten führt nebenbei zu einer enormen Belastung durch überdurchschnittliche Arznei- und Heilmittelverschreibung. Mehmet Dumanoglu: „Die Patienten von Dr. Spätling saugen unser Budget auf.“ Das führt zu einer fast unglaublichen Konsequenz: „Weil wir unser Budget überziehen mussten, wird eine Regressprüfung durch die Kassenärztliche Vereinigung durchgeführt. Uns droht jetzt eine Geldstrafe von 50 000 Euro pro Quartal.“

Im Klartext: Die Ärzte in Sonsbeck bekommen nicht nur kein Geld für ihre enorme Mehrarbeit, sie sollen dafür auch noch zur Kasse gebeten werden. Mehmet Dumanoglu ist Landarzt aus Leidenschaft. Als Oberarzt könne er 130 000 Euro im Jahr bei einer 40-Stunden-Woche verdienen, viel mehr als in Sonsbeck. „Das Gefühl, zur Familie zu gehören, die alte Frau, die sich mit Tränen in den Augen dafür bedankt, dass ich sie behandle, dafür mache ich das“, sagt der ausgebildete Kardiologe. Sollten sie den Sitz des verstorbenen Kollegen nicht bekommen, wollen sie dennoch niemanden im Stich lassen, sondern ihr Einkommen so kürzen, dass sie eine vierte Ärztin einstellen können. Aber alles hat seine Grenzen, sagt Dumanoglu: „Wenn wir die 200 000 Euro Strafe zahlen müssen, mache ich die Praxis zu und gehe ins Krankenhaus.“

Auch sein Kollege Dr. Markus Witkiewicz hat vor dem Gesundheitssystem längst resigniert: „Die Gesundheit ist unser höchstes Gut, aber das interessiert keinen mehr. Es geht längst nicht mehr um Ethik, sondern um Monetik.“ Dabei ist die Praxis in Sonsbeck so modern ausgestattet, dass sogar mit kardiologischen Spezialgeräten ein Herzinfarkt rechtzeitig erkannt werden könnte. Man hat der Kassenärztlichen Vereinigung angeboten, diesen Service für wenig Geld mit anzubieten. Diese aber lehnt ab, verweist darauf, dass die Patienten für die gleiche Behandlung ins Krankenhaus müssen. Dort schlägt die Untersuchung mit einer Fallpauschale von 4 000 Euro zu Buche. Geld, das in Sonsbeck zu Lasten der Hausärzte eingespart wird.

 

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