Tödlicher Einbruch in Moers - Juwelier schoss aus Notwehr

Harry Seelhoff
Das Schöffengericht verurteilte einen 23-Jährigen zu 15 Monaten Gefängnis. Er war beim Einbruch ins „Schmuckkästchen“ beteiligt, der ein Todesopfer forderte
Das Schöffengericht verurteilte einen 23-Jährigen zu 15 Monaten Gefängnis. Er war beim Einbruch ins „Schmuckkästchen“ beteiligt, der ein Todesopfer forderte
Foto: FUNKE Foto Services
Der Moerser Juwelier, der im Dezember 2014 einen Einbrecher überraschte und erschoss, handelte wohl aus Notwehr, so ein Staatsanwalt beim Prozess gegen einen der Kriminellen, die den Einbruch verübt hatten.

Moers. Für den Juwelier Werner Gebhard schien dieser Montag vor Heiligabend 2014 ein ganz normaler Arbeitstag im Vorweihnachtsgeschäft zu werden. Er kam morgens noch vor 7 Uhr in seinem Geschäft an der Lintforter Straße, dem „Schmuckkästchen“, an, fuhr sein Auto hinters Haus auf den Heiermannsweg, ging dann hinunter in seine Werkstatt im Keller, drückte unten im Vorbeigehen auf den Lichtschalter – Sekunden später zog er seine Pistole. Ein 37-jähriger Rumäne lag wenig später tot im Erdgeschoss, ein zweiter flüchtete mit durchschossener Hand aus dem Laden. Ihn verurteilte das Schöffengericht wegen Diebstahls zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis.

Staatsanwalt Arne Kluger indes hatte den Rumänen außerdem wegen versuchten schweren Raubes angeklagt. Er nahm dem 23-Jährigen dessen Geschichte nicht ab: Ein Mann, „der Blonde“ genannt, der ihm nur vom Sehen her bekannt gewesen sei und dessen Frau in einem Bordell in Krefeld gearbeitet habe, habe ihn zum Einbruch in Moers verleitet. Er sei betrunken gewesen, und auf einmal sei „der Blonde“ gekommen und habe ihn aufgefordert mitzugehen.

Bei den Einbrechern handelte es sich wohl um Profis

Er habe Geld gebraucht, um nach Hause zu fahren, erzählte der Angeklagte dem Gericht, und gab zu: „Ich wusste, dass wir klauen gehen.“ Wo und wie geklaut werden sollte, das habe er allerdings nicht gewusst, und so habe er sich irgendwann in einem Keller an der Lintforter Straße wiedergefunden ohne zu wissen, wo er eigentlich war: „Auf einmal kam der Eigentümer und schoss auf uns.“ Beide Täter flüchteten noch die Kellertreppe hinauf, wo der 37-Jährige tödlich getroffen zusammenbrach und der 23-Jährige mit durchschossener linker Hand auf die Lintforter Straße rannte.

Stunden später nahm ein Polizeihund die Blutspur auf und verfolgte sie bis zu einer Tiefgarage in der Nähe; der 23-Jährige hingegen will sich zu Fuß auf den Weg zum Moerser Bahnhof gemacht haben und mit dem Zug nach Duisburg gefahren sein. Dort habe ihm ein ihm unbekannter Bulgare 200 Euro gegeben, auf dass er sich auf dem Heimweg nach Rumänien mache.

Diese Räuberpistole nahm ihm Staatsanwalt Kluger indes nicht ab. Der Tatort und die Gewohnheiten des Juweliers seinen professionell ausgespäht worden, so Kluger. Die Täter hätten auf den kurzen Moment gewartet, in dem sie durch eine geöffnete Tür in die Geschäftsräume hätten eindringen können. Kluger: „Da können wir getrost von Profis ausgehen.“

Indizien dafür, dass es sich bei dem 23-Jährigen um einen Profi-Kriminellen handeln könnte, gab es allerdings: Er saß in Rumänien bereits ein Jahr im Gefängnis, und seine DNA führte zu einer Tatortspur in Frankreich. Auch dass er, nachdem sein Komplize tödlich getroffen am Boden lag und er sich – selbst aus einer Schusswunde blutend – auf der Flucht noch schnell eine Tasche mit einem Laptop griff, lässt auf einen kaltblütigen Täter schließen.

Justiz vermutet, dass weitere Komplizen am Einbruch beteiligt waren

Dass der 70-jährige Juwelier Werner Gebhard zur Waffe griff, als er sich in seinem Keller zwei Männern gegenüber sah, die sich auf ihn zu bewegten, war nach Auffassung des Staatsanwaltes gerechtfertigt: „Die Schussabgabe geschah nach meiner Überzeugung in Notwehr.“ Gebhard selbst schilderte die dramatischen Sekunden so: „Als das Licht anfing zu flattern, sah ich einen größeren Schatten schnell auf mich zugehen. Zum Nachdenken war keine Zeit.“ Der Juwelier zog seine Pistole, die vorn in seinem Gürtel steckte: „Ich habe sofort geschossen.“

In der Urteilsbegründung führte Richterin Heike Kersting aus, es spreche viel dafür, dass es weitere Komplizen gegeben habe – Staatsanwalt Kluger ging von fünf Tätern aus, von denen drei am Fluchtauto blieben. Der 23-Jährige habe sich am Tatort ausgekannt, was für eine gute Vorbereitung spreche, so Kersting. Dies lasse zwar eine geplante räuberische Erpressung möglich erscheinen, aber zu beweisen sei dies nicht. Das Gericht habe beim Angeklagten hohe kriminelle Energie festgestellt.

Zudem zeigte sich das Gericht von den tränenreichen Entschuldigungen des 23-Jährigen eher unbeeindruckt. Sein Teilgeständnis, so Richterin Kersting, „ist nicht von großer Einsicht getragen.“ Die Entschuldigung sei „nicht so ehrlich rübergekommen“, und weiter: „Er hat seinen Tatbeitrag klein geredet, und das nehmen wir ihm nicht ab.“ Eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung käme daher nicht in Betracht.

Eine solche hatten Staatsanwaltschaft und Verteidigung gleichermaßen beantragt. Arne Kluger forderte eineinhalb Jahre auf Bewährung, Verteidiger Markus Kniffka eine milde Strafe, unter anderem, weil der Schuss durch die Hand für seinen Mandanten ein traumatisches Erlebnis gewesen sei. Richterin Kersting urteilte abschließend: „Eine Vollstreckung ist erforderlich.“