Schlag gegen die kleinen Kneipen

Claudia Thiele, Wirtin der „Rathausschänke“ in Kamp-Lintfort, will auf Geldspielautomaten nicht verzichten. Foto: Markus Joosten / WAZ FotoPool.
Claudia Thiele, Wirtin der „Rathausschänke“ in Kamp-Lintfort, will auf Geldspielautomaten nicht verzichten. Foto: Markus Joosten / WAZ FotoPool.
Foto: WAZ FotoPool

Am Niederrhein. Es gibt Bestrebungen, die Geldspielautomaten in den Gaststätten zu verbieten. Die Wirte bärchte das um wichtige Einnahmen; schlechte Nachrichten für die verbliebenen kleinen Kneipen.

Wo gibt es ein Bier nach Feierabend, eine Frikadelle mit Senf und einen Schwatz mit Bekannten aus dem Viertel? Wo wirft man ein paar Münzen in den Spielautomaten oder klopft einen Skat? Die Antwort liegt auf der Hand: in der kleinen Kneipe um die Ecke. Es gibt nicht mehr viele, und die wenigen, die es noch gibt, kämpfen um ihre Existenz. Sollten Spielautomaten in den Kneipen verboten werden, sehen manche Gastwirte schwarz.

Sie ist ein Stück Freizeitkultur aus einer vergangenen Zeit. Viel zu bieten hat sie auf den ersten Blick wirklich nicht, die kleine Kneipe um die Ecke. Das Bier und der Kurze, die kalten Frikadellen und wenn’s hoch kommt Bockwürstchen mit Kartoffelsalat – das Angebot reißt in Zeiten, in denen fast jeder Bäcker und Metzger einen Mittagstisch anbietet, kaum jemanden vom Hocker. In der Nähe der Theke stehen Spielautomaten, an denen man sich die sieben Minuten bis zum nächsten Pils vertreiben kann.

Doch in Berlin brauen sich dunkle Wolken zusammen. Der Glücksspielstaatsvertrag wird unter den Ländern ausgehandelt. Die Forderung des Bundeslandes Berlin lautet: Verbot von Spielau­tomaten in den Kneipen.

Ein paar Bierchen und ‘ne Runde am Automaten

Da ist die „Rathausschänke“ an der Montplanetstraße in Kamp-Lintfort, Begegnungsstätte und Nachbarschaftstreff seit Jahrzehnten. Claudia Thiele hat die Kneipe vor rund zwei Jahren übernommen. „Die Gäste kommen rein, trinken ein paar Bierchen, spielen und reden.“ Aber das Spielen, das sei kein Zocken, sondern nur Zeitvertreib. Drohende Suchtgefahr durch Geldspielautomaten in ihrer Kneipe? Claudia Thiele kann nur müde lächeln. Die Hälfte des Gewinns, den der Automatenaufsteller erzielt, gehört ihr. Und der ist beileibe nicht hoch.

Von den Automatenaufstellern stammen die folgenden Zahlen: Durchschnittlich liefert ein Geldspielautomat ei­nen Gewinn von 600 bis 800 Euro monatlich. Davon geht rund ein Drittel weg für Umsatz- und Vergnügungssteuer; was übrig bleibt, teilen sich Aufsteller und Gastwirt. Stehen in einer Kneipe zwei bis drei Geräte, bringt das dem Wirt zwischen 600 und 1000 Euro im Monat. Wie häufig die Gäste Geld in den Automaten werfen, lässt sich leicht ausrechnen: Legt man 250 Öffnungsstunden für eine Kneipe zu Grunde, verschwinden stündlich etwa drei Euro im Münzeinwurf.

50 Prozent des Gewinns gehören dem Wirt

Aber auch wenn die Einnahmen nicht üppig sind, so werden sie doch dringend gebraucht. „50 Prozent des Automatengewinns gehört mir“, rechnet Claudia Thiele vor, „und das ist die Hälfte der Pacht, die ich für die Gaststätte zahlen muss.“ Müsste sie die Automaten abbauen lassen, wüsste sie nicht, wie sie die Einnahmeverluste auffangen sollte. Vielleicht ließen sich mit einer Ein-Mann-Kapelle Gäste in die „Rathausschänke“ locken, aber auch die kostet zuerst einmal Geld, und der Erfolg ist ungewiss.

Thomas Kolaric, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Niederrhein, sieht einen gravierenden Unterschied zwischen Kneipen und Spielhallen: „In den Kneipen gibt es noch die soziale Kontrolle.“ Kolaric sieht das ohnehin schon fortschreitende Kneipensterben mit Bedauern: „Was unsere Region mal ausgemacht hat, das stirbt aus. Die Kneipe ist ein Kulturgut, und das Typische einer Region sollte man erhalten.“