Partei stellt sich gegen NRZ-Boykott

Michael Passon
Kam damals recht plötzlich: die Schließung des  Sportzentrums Rheinkamp  Foto: Olaf Fuhrmann / WAZ FotoPool
Kam damals recht plötzlich: die Schließung des Sportzentrums Rheinkamp Foto: Olaf Fuhrmann / WAZ FotoPool
Foto: Fotografie Olaf Fuhrmann

Moers. Es war eigentlich eine unpolitische Veranstaltung, wenngleich durch die SPD Moers organisiert. Mit viel Herzblut und in monatelanger Vorarbeit.

Vor allem die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen hatte sich mächtig für das Frühstück im Musenhof ins Zeug gelegt. Belohnt wurden sie durch trockenes Wetter und eine richtig gute Atmosphäre. 250 Menschen kamen, viele Bürger ohne Parteibuch. Kurz vor Schluss mischte sich ein dicker Wermutstropfen ein: Die SPD-Mitglieder Anja und Wolfram Reutlinger, sie gehört zum Vorstand des Ortsvereins Rheinkamp, verteilten ihr zweieinhalbseitiges Kündigungsschreiben der NRZ mit der Aufforderung, es ihnen gleich zu tun. Eine Anti-NRZ-Kampagne auf einer Parteiveranstaltung. Niemand stoppte sie. Ein bemerkenswertes Verständnis von Pressefreiheit.

Es geht natürlich um die seit Monaten schwelende Vauth-Ballhaus-Affäre, die immer wieder neue Fragen aufwirft und neue Details ans Tageslicht bringt. Insbesondere durch die intensive NRZ-Recherche. Längst sind auch die überregionale Presse und der WDR am Thema und gehen mit den Moerser Protagonisten dieser imageschädigenden Geschichte hart ins Gericht. Der Boykott-Aufruf vom Sonntag ist der vorläufige Höhepunkt eines Abwehrkampfes, in dem der Überbringer der schlechten Nachricht systematisch zum bösen Urheber gemacht werden soll.

Die Art, mit Kritik umzugehen

Nach der NRZ-Beichte des scheidenden Chefs der Bauordnung Martin Höschen, er selbst sei von der plötzlichen Schließung des Sportzentrums Rheinkamp überrascht worden, in dessen Zuge Ballhaus eines der ominösen Vauth-Gutachten einsetzte, geriet auch der Erste Beigeordnete der Stadt, Hans-Gerd Rötters, in den Fokus kritischer Fragen. Seine Reaktion bis heute: anwaltliches Vorgehen gegen Kommentare von DerWesten-Usern sowie der zweimalige Versuch, auf juristischem Wege eine Gegendarstellung zu erwirken. Nicht gegen die aufwändig recherchierte Berichterstattung, sondern gegen eine Kommentierung. Diese Vorstöße blieben allerdings erfolglos.

Und nun, nachdem er der sonntäglichen Verteilaktion beigewohnt hatte, schickte Rötters den Brief der Reutlingers über seinen privaten Verteiler an eine ganze Reihe von hochrangigen SPD-Mitgliedern in Moers.

Vorsitzende propagieren Pressefreiheit

Anders als die zuständigen Ortsvereinsvorsitzenden, die von Anja und Wolfram Reutlinger aufgefordert wurden, das Schreiben über die Vereinsverteiler zu senden. Ibrahim Yetim fühlte sich am Sonntag überrumpelt und konnte nach eigener Aussage nicht schnell genug reagieren: “Wir haben die Pressefreiheit zu akzeptieren und zu schützen, mag sie auch noch so weh tun“, schreibt er an seine Genossen.

Genau so sieht’s Mark Rosendahl in Rheinkamp. Der versucht den Spagat: „Das heißt nicht, dass wir die Bewertung und Kommentierung in der NRZ teilen oder gutheißen.“ Man werde die Vorgänge vereinsintern erörtern.

Parteichef Siegmund Ehrmann legt äußerten Wert darauf, dass es keine SPD-Kampagne gibt. „Ich würde einem solchen Ansinnen nie das Wort reden.“ Ehrmann mahnt: „Wer Kritik erntet, ist der schlechteste Richter.“