Neukirchen-Vluyner Flüchtlinge schneidern in Essen

Alei Aljaloud, 22, an der Nähmaschine.
Alei Aljaloud, 22, an der Nähmaschine.
Foto: FUNKE Foto Services
  • Projekt der Diakonie Neukirchen-Vluyn mit Joachim Bürger und Ruth Braun
  • Gelernte syrische Schneider wollen schnell mit Nadel und Faden Fuß fassen
  • Womöglich entsteht aus dem Projekt ein eigenes Modelabel

Neukirchen-Vluyn/Essen..  Ein Wochenende lang zeigten sechs syrische Schneider im Näh-Studio „Zic’n’Zac“ in der Essener Innenstadt ihr Geschick im Umgang mit Nadel und Faden. Das Kooperationsprojekt des Essener Geschäftes mit der Grafschafter Diakonie aus Neukirchen-Vluyn soll den Flüchtlingen über kurz oder lang den Einstieg in die deutsche Berufswelt vermitteln.

Aus alt mach neu

Geschäftig geht es an diesem Mittag im „Zic’n’Zac“ zu. Im hinteren Bereich des Ladenlokals surren die Nähmaschinen, die sonst für Kurse parat stehen. Es wird geschnitten, auf einer Schneiderbüste wartet ein halb fertiger Tellerrock auf die Vollendung, die Bügelbretter sind umlagert. „Wir machen heute sogenanntes Pop-Up-Tailoring, bei dem ältere Kleidungsstücke zu etwas völlig Neuem umgestaltet werden. Aus einem Herrenhemd schneidern wir ein schulterfreies Damenoberteil, aus einem Rock und einem ehemaligen T-Shirt wird ein Kleid mit Pailettenverzierung, eine Tischdecke und ein Bettbezug funktionieren wir zum Kleid im Stil der 1950-er Jahre um“, berichtet Ruth Braun.

Die gelernte Schneiderin und studierte Modedesignerin aus Moers ist so etwas wie die künstlerische Leiterin des Projektes. Sie steckt hinter den Entwürfen, die am 11. September zur Einweihung der wiederbelebten Maschinenhalle der Moerser Zeche Pattberg erst in einer Modenschau präsentiert, und dann für das Flüchtlingsprojekt versteigert werden sollen. Sie will nicht zuletzt die Kleidungsstücke, die im weiteren Nachgang des Projektes entstehen, in ihrem zukünftigen Geschäft „Seconrella“ in der Moerser Innenstadt verkaufen.

„Es soll sogar ein eigenes Modelabel daraus entstehen“, schaut Konrad Göke voraus, der in Neukirchen-Vluyn im Auftrag der Diakonie in der Flüchtlingsarbeit aktiv ist.

Er organisiert Aktivitäten für und Begegnungen mit Flüchtlingen, hat das Nähprojekt zusammen mit dem Geschäftsführer Rainer Tyrakowski aus der Taufe gehoben. „Wir sind der Meinung, dass jeder Flüchtling so schnell wie möglich die Chance erhalten soll, tätig zu werden – unabhängig von seinem Status“, erläutert er und verweist auf das Potenzial, das er allein im Raum Moers im Bereich des Schneiderhandwerks gefunden hat. „Wir haben jetzt hier Menschen, die eigene Schneiderein betrieben und in größeren Betrieben gearbeitet haben oder auch für die Fabriken der großen Ketten tätig waren“, erläutert er. Industrie- und Handelskammer (IHK) und Handwerkskammern sind schon aufmerksam geworden, die Schneider sollen erst der Anfang sein.

Computer oder Taschenrechner?

Und die sind froh, endlich wieder Nadel und Faden in die Hand nehmen zu können. Nach einer Einarbeitung mit den deutschen Maschinen – laut Zic’n’Zac-Inhaber Joachim Bürger ein Unterschied zu den syrischen wie zwischen Computer und Taschenrechner – konnten sie loslegen. Das Material stammt aus einer Moerser Kleiderkammer. Shadi Hussein hat sich wieder seines halb fertigen Tellerrocks angenommen, aufmerksam mustert er die Häkelbordüre, mit der das Stück verziert sein wird. „Ich war 16 Jahre lang Schneider in Aleppo, zeitweise mit eigenem Geschäft. Es war schwer für mich, das alles aufzugeben – aber wegen der Kinder ging es nicht anders“, sagt der 32-Jährige. Seit einem Jahr ist er in Deutschland, keine leichte Zeit sei das gewesen. Für ihn ist dies nun die erste Gelegenheit, wieder in seinem Beruf zu arbeiten.

Im Gegensatz zu ihm, der bereits mit der Familie eine Wohnung bezogen hat, lebt die 38-jährige Eman Kachour noch in einer großen Flüchtlingsunterkunft. Die Frau aus Damaskus war mit ihrer Mutter geflohen, früher arbeitete sie von zu Hause aus. Die gelernte Schneiderin legt kurz das Bügeleisen zur Seite, mit dem sie den Stoff für die zukünftige Krawatte plättet. „Natürlich möchte ich wieder als Schneiderin arbeiten“, sagt sie. Das wird noch eine Weile ein Traum bleiben, sie darf in Deutschland keiner beruflichen Beschäftigung nachgehen. Aber immerhin haben ihr die beiden Tage in Essen ein bisschen Hoffnung gemacht – und viel Abwechslung gebracht

 
 

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