Menschen statt Mauern

Neukirchen-Vluyn.. Der Heckrathshof, der malerisch gelegene Bauernhof zwischen Neukirchen und Hülsdonk, den man so prima von der Verbandsstraße Richtung Rheurdt aus sehen kann, wird zum Knast. Zu einem besonderen. Gitter gibt es keine, dafür jede Menge Regeln, intensive Pädagogik und viele Betreuer.

Ab September warten dort jeweils sechs Jungen zwischen 14 und 18 Jahren auf ihre Verhandlung. Ihnen wird Raub, Erpressung, Diebstahl, Einbruch oder Körperverletzung vorgeworfen. Es ist eine alternative U-Haft.

Der Neukirchener Erziehungsverein ist in Kooperation mit dem Projekt „Stop and go NRW“ getreten. Dessen Initiator Eichenauer kämpft seit elf Jahren dafür, straffällig gewordenen Jugendlichen bis zur Hauptverhandlung einen Übergang im Rahmen der Jugendhilfe anzubieten. Wenn es Charakter und die Schwere der Straftat zulassen. Das Jugendgerichtsgesetz will es so, aber das Angebot ist bislang sehr spärlich. Außerdem hat diese Praxis bei den Jugendrichtern offenbar keine Lobby. „Manche wissen nicht, wie sie vernünftig ihren Job machen sollen“, schimpft Eichenauer und verweist da-rauf, dass von 800 jugendlichen U-Häftlingen in NRW jährlich fast die Hälfte besser gefördert als weggesperrt würden. Motto: Resozialisierung noch vor der Verhandlung. Mit der neuen Gruppe des Neukirchener Erziehungsvereins gibt’s landesweit erst 24 solcher Alternativ-Plätze.

Ein ganz
sensibles Thema

Für das Team vom Erziehungsverein um Geschäftsführer Hans-Wilhelm Fricke-Hein, Dagmar Friehl und Thomas Simon ist die Einrichtung dieser Wohngruppe die „konsequente Fortsetzung unserer Arbeit mit schwierigen Jugendlichen“. Man leiste eine wichtigen Beitrag zu einem neuen Umgang mit Jugendkriminalität. Dass die Bevölkerung das Vorhaben reflexartig ablehnen wird, befürchtet Fricke-Hein nicht. „Wir haben bereits 2004 im Kinderdorf die erste Gruppe für sexuell auffällige Jugendliche eröffnet, 2007 in Kamp-Lintfort ein Folgeangebot.“ Das seien Menschen, die sich längst inmitten der Gesellschaft bewegten, ohne Stempel auf dem Kopf. „Viele von ihnen gehen in örtliche Sportvereine, es gibt eine enge Kooperation mit dem Stursberg-Gymnasium.“

Jemand müsse es tun, und der Erziehungsverein habe nun mal die Erfahrung, bekräftigt Dagmar Friehl. Bundesweit würden problembehaftete Jugendliche in 130 Einzelmaßnahmen betreut. Im Zirkus, in einer Stunt-Show, auf einem Apfelbauernhof. Und hier gelte jetzt auch das Prinzip „Menschen statt Mauern“. Ein Gefahrenpotenzial könne man immer minimieren, niemals ausschließen.

Wer da ab September kommt, weiß natürlich noch niemand. Wer bei einer Straftat erwischt wird, kann binnen 24 Stunden auf dem Heckrathshof landen. Hier lernt er Sozialverhalten, bekommt Sport- und Bildungsangebote, kann zeigen, dass er sich bessern will. Und er kann sich sukzessive Freigang erarbeiten. Maximal 2,5 Stunden pro Tag. Mittags, versteht sich. Die alternative U-Haft ist aber auch kein strengeres Ferienlager. Handys gibt es nicht, kein Computer, keine Glotze.

Fricke-Hein: „Wir sind in vielen Bereichen oft die letzte Chance für Kinder und Jugendliche. Wir sind verpflichtet, diese anzubieten.“

 
 

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