Kunst ist alles

Karen Kliem
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Moers. Anatol Herzfeld hatte zum „Ringgespräch um den Menschen“ eingeladen. Viele kamen, auch junge Gymnasiasten.

Es ging los mit der Brillanten-Kobra in den Ringgesprächen mit Beuys an der Düsseldorfer Akademie, die für Unruhe sorgte, führte dann über Riten der Aborigines zum rechten Oberschenkelhalsknochen eines Höhlenbären – den Beuys als einziger sofort als solcher erkannt haben soll. Was für eine Einleitung vom Beuys-Schüler Anatol Herzfeld in das „Ringgespräch um den Menschen“ im Kapellener Seewerk!

In der Mitte des Raumes lag eine Baby-Plastik in einem ausgehöhlten Baumstamm wie in einem Sarkophag. Drumherum hochlehnige Stühle, auf vielen zwei Leute sitzend, so groß war das Interesse an diesem ungewöhnlichen Treffen unter dem Dach mit einer illustren Schar von Gästen. Der Künstler Herzfeld stieg provokant in die Runde ein, indem er beim Anblick des kleinen Menschen Abtreibungen thematisierte. Starker Tobak für die Schüler der Gymnasien Filder Benden und Stursberg, die zum Ringgespräch geladen waren – und erst mal schwiegen.

Kunst ist alles,
nicht Bildchen malen

Doch Anatol wäre nicht Anatol, wenn er frank und frei zugegeben hätte: „Ich bin ein Kind der Liebe, unehelich.“ Schon war das Eis gebrochen.

Aber natürlich ging es schon bald um Kunst. „Was ist für Euch in der Schule Kunst?“, fragte Anatol die jungen Leute. „Bilder malen, Anordnungen darstellen, analysieren großer Kunstwerke.“ Tja, das ist freilich nicht der Kunstbegriff eines Beuys-Schülers: „Dass ihr hier mitten drin sitzt, das ist schon Kunst“, behauptete der 80-Jährige. Kunst habe etwas mit Traumwelten zu tun, Kunst kann Liebe sein, Liebesbriefe, die per Papierflieger heransegeln: „Kunst ist alles.“

Naja, fast alles. Denn ein junger Mann warf treffend ein, dass es schon einen Unterschied mache, ob jemand Bilder male, oder Steine werfe. Okay, da hört bei Anatol die Freiheit der Kunst tatsächlich auf: „Zerstörung ist keine Kunst.“

Und Werbung ist keine Kunst. Sagt Anatol. Es ist das Gegenteil. Er erzählte von einem Werbespot und der Macht der Manipulation. „Kommt heute Abend im Fernsehen. Gucken!“, forderte er seine jungen Gäste auf, die dieser Anweisung bestimmt Folge leisten werden.

Denn so ein Anatol Herzfeld, der kann ziemlich überzeugend sein in einem Ringgespräch.