Kinder-Schicksale berühren Vereinsmitglieder in Moers

Hans Dieter Wiechert, Monika Ebling, Brigitte Schubert, Michael Rüddel, Reinhard Rosemann, Monika Marx, Ulrich Ernenputsch und Ulrike Lukas (v.l.).
Hans Dieter Wiechert, Monika Ebling, Brigitte Schubert, Michael Rüddel, Reinhard Rosemann, Monika Marx, Ulrich Ernenputsch und Ulrike Lukas (v.l.).
Foto: WAZ FotoPool
Die Antragsgruppe des Vereins „Klartext für Kinder – aktiv gegen Kinderarmut“ entscheidet in jedem Monat über 40 bis 50 Anträge. Weit über 120 000 Euro jährlich werden für bedürftige Kinder ausgegeben. Kleidung, Möbel, Klassenfahrten - es fehlt den Kindern an so vielem.

Am Niederrhein..  Natürlich gibt es diese Momente. In denen sich der Kloß im Hals nicht mehr herunterschlucken lässt. Immer noch. Nach gut sechs Jahren, in denen die gestandenen Frauen und Männer von Klartext schon so viel Bedrückendes erlebt haben. „Alles andere wäre gelogen“, sagt Ulrich Ernenputsch, der die Leitung der „Antragsgruppe“ vor geraumer Zeit von Hausherrin Maria Welling übernommen hat. Hier, in der Linde in Repelen, treffen sich die Ehrenamtler fast jeden zweiten Dienstag, um über neue Anträge zu beraten, die an den Verein herangetragen werden. Mittlerweile bearbeiten und beurteilen die Klartextler im Schnitt 40 bis 50 Anträge pro Monat. Tendenz steigend. In diesen Tagen besonders auffällig: Die stattliche Hilfe für bedürftige Schulanfänger reicht hinten und vorne nicht.

Kleidung, Möbel, Klassenfahrten sind die Klassiker. 2012 hat der Verein „Klartext für Kinder – Aktiv gegen Kinderarmut!“ 120 000 Euro an Spendengeldern direkt in die Hilfe am bedürftigen Kind in Moers, Kamp-Lintfort und Neukirchen-Vluyn investiert. Zielgerichtet, fachlich begleitet, unbürokratisch, schnell – von jedem Spendeneuro fließen nur wenige Cent in „Verwaltungskosten“ wie Briefmarken oder die Versicherung für den Tafelbus. 2013, soviel darf jetzt schon verraten werden, wird diese Rekordsumme deutlich getoppt.

Weit über als 120 000 Euro jährlichfür die Hilfe am bedürftigen Kind

Die Fußballcamps und Ausflüge verschlingen einen Batzen, die mobile Kindertafel natürlich auch, das Gros wird allerdings in der Einzelfallhilfe benötigt, fast die Hälfte. In der Antragsgruppe also, einer ganz wichtigen „Abteilung“ in diesem Verein ohne Hierarchien. „Jede Hand ist wichtig, jede Aufgabe“, sagt der Vorsitzende Dieter Wichert, „sonst kann das alles gar nicht funktionieren.

Zum Beispiel die Akuthilfe für die 18-jährige Sarah (Name geändert). Das Mädchen ist schwerstbehindert und blind und mittlerweile so schwer, dass es von ihrem Vater nicht mehr in ihr Zimmer im ersten Stock getragen werden konnte. Klartext sorgte für die Einrichtung eines Zimmers mit Nasszelle. Das ist so ein Fall, der dem Team an die Nieren ging. Oder die mittellose todkranke Mutter im Hospiz, die mit ihren Kindern noch mal ein schönes Weihnachtsfest feiern wollte. Oder das Kinderbettchen in Autoform für das traumatisierte afghanische Flüchtlingskind. „Manchmal können wir auch einen besonderen Wunsch erfüllen, der über den reinen Bedarf hinausgeht“, erzählt Ernenputsch. Will sagen: ein normales Kinderbettchen hätte es auch getan, aber das mit dem Auto war günstig zu haben.

„Es sind Dinge, die nimmst du schon mit nach Hause“, erklärt Ulrike Lukas. Sagt aber auch: „Wichtig ist für uns als Laien, einen gesunden Abstand zu den Familiensituationen zu wahren.“ Das geht auf dem Papier – der Antrag muss den konkreten Bedarf von der Sportbrille bis zum Zuschuss einer Pferdetherapie detailliert begründen – noch. Birgit Schubert und Monika Marx haben auch als so genannte Patenhelfer ihre Erfahrungen gesammelt, sind also mit den Eltern bedürftiger Kinder einkaufen gefahren. Unterwäsche, T-Shirts, vielleicht auch ein Schultornister. Marx meint: „Da bist du dann direkt dran, aber nach der Aktion ist der Kontakt dann auch schnell wieder beendet. Und das macht auch Sinn.“

Jugendämter beraten die Ehrenamtlerfachlich – keine Parallelstrukturen

Fachliche Begleitung für die Ehrenamtler gibt’s von den Jugendämtern. Und eine Menge Lob. Die Kamp-Lintforter Leiterin Monika Ebling findet: „Es ist so wichtig, dass Klartext dort wirken kann, wo den öffentlichen Institutionen Grenzen gesetzt sind.“ Das sieht Kollege Michael Rüddel aus Moers genauso: „Dafür sind wir ja auch da. Dass Klartext erst dann aktiv wird, wenn alle bereits vorhandenen Mittel ausgeschöpft sind.“

Die immer höheren Fallzahlen sagen eine Menge über die dramatische Armutsentwicklung auch in unseren Städten aus. Es gibt zum Beispiel immer mehr allein erziehende Mütter mit mehreren Kindern. Immerhin: Immer mehr Pädagogen in Schulen und Kindergärten, die Fachkräfte in Wohlfahrtsorganisationen und sozialen Dienste sowieso, achten darauf, ob es Kindern in ihrem Wirkungskreis am Elementarsten fehlt. Und wenden sich im Notfall an Klartext.

EURE FAVORITEN