Gehörlos, nicht taub

Jonte Peters (13) hat seit Geburt einen Hörschaden und lebt mit technischen Hilfsmitteln.    Foto: Gerd Hermann
Jonte Peters (13) hat seit Geburt einen Hörschaden und lebt mit technischen Hilfsmitteln. Foto: Gerd Hermann
Foto: Gerd Hermann

Moers.. Wer den Jonte fragt, ob er sich anders fühlt als Kinder in seinem Alter, bekommt Geschichten wie diese erzählt: Da stand der 13-Jährige in der S-Bahn, einen Fan-Schal von Carl-Zeiss Jena um den Hals.

Um ihn herum ein Meer in Rot-Weiß, allesamt Fans von Fortuna Düsseldorf. Es war beim letzten Aufeinandertreffen beider Teams in der Arena. Einer sagte zu Jonte: „Ganz schön mutig.“ Und da, erzählt Jonte mit einem Grinsen, „da bist du anders als die anderen.“ Dabei weiß der Junge aus Schwafheim genau, was gemeint ist: nämlich seine Hörschädigung. Ohne hochmoderne Technik wäre Jonte gehörlos.

Dass der pfiffige junge Mann in dieser Hinsicht anders ist, sieht man erst auf den zweiten Blick. Seine Hörgerät-Konstruktion wird fast vollständig von seinem wuscheligen Lockenkopf verschluckt, die Cochlea-Implantate (CI), seine Innenohr-Prothese, wurdem ihm vor 11 Jahren unter die Kopfhaut operiert.

Angenehm
anders

Jonte klingt wie ein Lexikon, wenn er erklärt, wie das funktiiniert: „Per Induktion werden die Signale aus dem Sprachprozessor übertragen, elektronische Reize stimulieren den Hörnerv.“ Ach so, na klar. Wer aufwächst wie Jonte, ist ein bisschen anders. Auf angenehme, teils beeindruckende Art. Heute besucht das Kind, dem einst Gehörlosigkeit attestiert worden war, das Gymnasium Filder Benden.

Das ist keine Selbstverständlichkeit, und die Geschichte klingt wie ein Marathon-Lauf ohne Ziel. Irgendwann bemerkten Stefanie Peters-Weidtkamp und Enno Peters, Jontes Eltern, dass irgendetwas nicht stimmt. Jonte reagierte spät oder nicht, wirkte abwesend. Nicht immer, aber es fiel halt auf. Das Problem: Beim Neugeborenen-Screening hatte man seinerzeit eine Hörschädigung ausgeschlossen. Ein Fehler, der den Weg durch die Praxen natürlich wesentlich verlängerte. „Irgendwann kommst du dir vor wie ein neurotisches Eltern-Paar“, sagt Jontes Mutter rückblickend. „Erstaunlich, wie schwer das ist, an die richtige Stelle zu geraten.“ Der Jonte, hieß es, sei halt ein Individualist.

Einer, der nichts hört. Als dies schließlich erkannt wurde, war Jonte bereits Zwei. Er erhielt die so genannten CI-s, die heutzutage schon sechs Monate alten Säuglingen implantiert werden. Eins von tausend Kind leidet an einer an Taubheit grenzenden Gehörlosigkeit, eine Quote wie beim Down-Syndrom. Je eher Technik und Förderung einsetzen, desto besser. Stefanie Weidtkamp-Peters sagt: „Der Erfolg für das Kind hängt zu 100 Prozent von der Zeit nach der Operation ab. Da sind vor allem die Eltern gefordert.“ Reha, Logopädie, Ergotherapie, Frühförderung, gehörlose Kinder müssen hart arbeiten.

Das gilt auch für die Eltern. Wer da hinein geworfen wird, muss dringend schwimmen lernen. Das haben die Biologin und der Jurist getan. Enno Peters hat zusammen mit einem anderen betroffenen Vater eine Selbsthilfegruppe gegründet, den Hörtreff. Erst als reine Internet-Plattform, nun trifft man sich auch stationär. Zum Austausch von Erfahrungen, vor allem aber zur Information. „Wir wollen Eltern, die neu in der Situation stecken, die Odyssee ersparen und wertvolle Hinweise geben.“ Oder eben bekommen, die Technik rast.

Jonte ist mit seinem Handicap aufgewachsen. Er kennt es nicht anders, als rechts vom Lehrer zu sitzen, der für Jonte ein Mikro um den Hals gehängt hat. Oder dass er große Geräuschkulissen schon automatisch meidet. Jonte ist anders, aber nur ein bisschen. Ansonsten hört er die Fanta 4, bastelt gern an Robotern, spielt Trompete und geht zum Segeln. Und er tut in der Schule derzeit nicht mehr als unbedingt nötig. Ein Junge von 13 Jahren eben.

 
 

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