„Eine Heldin war ich nicht“

Gabi Gies
Annegret Werkle-Nagel.
Annegret Werkle-Nagel.
Foto: Christoph Karl Banski
Annegret Werkle-Nagel hat eines der dunkelsten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte am eigenen Leib erfahren: Weil sie versuchte, einer Frau zur Flucht nach Westdeutschland zu verhelfen, wurde sie 1973 im Alter von 24 Jahren zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt und für zehn Jahre des Landes verwiesen.

Neukirchen-Vluyn.  Wenn an diesem Wochenende der Mauerfall vor 25 Jahren in Berlin groß gefeiert wird, weckt der Tag in Annegret Werkle-Nagel auch ein ganz persönliches Glücksgefühl. Denn die 65-jährige Musiklehrerin hat eines der dunkelsten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte am eigenen Leib erfahren: Weil sie versuchte, einer Frau zur Flucht nach Westdeutschland zu verhelfen, wurde Annegret Werkle-Nagel im Alter von 24 Jahren am 5. November 1973 in Budapest zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt und für zehn Jahre des Landes verwiesen. „Meine Gefängniszeit – auch wenn sie nur kurz währte – gehört zu den tiefsten Tälern, die ich in meinem bisherigen Leben durchwandert habe“, sagt die Neukirchen-Vluynerin heute. Trotzdem bedauert sie nichts: „Das alles war gut und wichtig so.“

Ihre Geschichte beginnt, als die Studentin 1972 in Düsseldorf einen Musiker aus Leipzig kennenlernt, der während einer Konzertreise nach Westdeutschland geflüchtet war. Zu seinem großen Unglück war die auf anderem Wege geplante Flucht seiner Frau Monika letztlich nicht zustande gekommen. Die Geschichte der beiden geht der jungen pflichtbewussten Pfarrerstochter ans Herz, appelliert unbewusst an ihren anerzogenen Helferinstinkt.

„In dieser Zeit befand ich mich in einer Sinnkrise. Ich wusste nicht, ob ich wirklich Musiklehrerin werden wollte, oder vielleicht doch lieber etwas ,Sinnvolles’ machen sollte, etwa als Entwicklungshelferin arbeiten oder in einem Kinderdorf.“

Als Fluchthelferin zwei liebende Menschen wieder zueinander zu bringen, scheint ihr damals eine solche sinnvolle Herausforderung. Sie erklärt sich bereit, Monika bei der Flucht aus der DDR zu helfen. Der Plan: Während eines gemeinsamen Fluges von Prag nach Budapest soll sie ihr per Manteltausch einen westdeutschen Pass und Devisen zukommen lassen. Doch der Traum vom Wiedersehen in Westdeutschland endet in einer Katastrophe.

Für Monika ist die Flucht bereits an der Passkontrolle des Budapester Flughafens vorbei. Ihre Fluchtpläne waren im Vorfeld an einen IM der Stasi verraten worden. Als Annegret Werkle-Nagel ihre Verhaftung mit ansieht, ist sie schockiert.

Gegen die Absprache, in diesem Fall sofort zum nächsten Bahnhof zu fahren und von dort über die sichere Grenze nach Österreich zu reisen, bleibt sie in Budapest. Als sie am nächsten Morgen wieder zurückfliegen will, wird auch sie an der Passkontrolle verhaftet. „Es war längst bekannt, dass ich die einzig mögliche Fluchthelferin war, denn auf dem Flug am Vortag aus Prag hatte es außer mir keinen westdeutschen Passagier gegeben.“

Die Frauen kommen im damaligen Polizeigefängnis von Budapest vier Wochen in Einzelhaft. Annegret Werkle-Nagel leidet unter den zum Teil menschenunwürdigen hygienischen Verhältnissen, dem völligen Verlust eigener Kontrolle und dem Ausgeliefertsein der Beamtenwillkür.

„Erst im Gefängnis spürte ich das kleine, schutzlose Menschlein in mir, voller Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit.“ Dann wird sie in ein größeres Gefängnis verlegt, wo sie in einer Zelle mit acht Frauen auf engstem Raum auf ihren Prozess wartet. „Die Toilette befand sich ohne jede Abschirmung offen in einer Ecke. Es gab Schikanen der Wärter, aber dennoch – auch im Zusammenhang mit den Wärtern – immer wieder gute menschliche Erfahrungen, für die ich dankbar bin. So spendeten meine Zellengenossinnen mir am Abend vor meinem Prozess ihr warmes Wasser, von dem jede von uns immer nur einen Blechnapf voll pro Tag bekam, um mir die Haare zu waschen. ,Du hast doch nichts Böses getan’, sagten sie mir.“

Und noch ein Ungar wird in dieser schweren Zeit zu einer Stütze für die junge Frau: Ihr Anwalt Dr. Sandor Sebestyen. Während Monika zu zwei Jahren und vier Monaten Haft im berüchtigten DDR-Frauengefängnis Hoheneck verurteilt wird, erlebt Annegret Werkle-Nagel, die eigentlich mit ein bis fünf Jahren Gefängnis rechnen muss, vor Gericht eine Überraschung: Mit zwei Monaten Gefängnis, abgegolten durch die U-Haft, gewinnt sie ihre Freiheit wieder. „Noch heute sehe ich mich jubelnd durch Budapests Straßen fliegen“. Erst im Nachhinein erfährt sie, dass sie ihr mildes Urteil einer über Kirchenkontakte zustande gekommenen Petition aus Düsseldorf verdankt.

Lange vergräbt Annegret Werkle-Nagel aus Selbstschutz ihre Erinnerungen tief in ihrem Inneren. Bis zum Mauerfall traut sie sich nicht, in die DDR oder nach Osteuropa zu reisen. Sie erfährt, dass die Stasi damals auch über sie eine Akte anlegte. „Viel steht nicht drin. Aber es ist ein hässliches Gefühl,“ sagt sie. Nach der Wende beginnt sie allmählich, die Ereignisse für sich aufzuarbeiten.

Vor vier Jahren telefoniert sie schließlich mit der Deutschen Botschaft in Budapest, um sich nach ihrem Rechtsanwalt von damals zu erkundigen. Sie will ihm für seine Unterstützung im Gefängnis danken. Doch sie erfährt, dass Sandor Sebestyen verstorben ist, sein Sohn Tamas aber ebenfalls Rechtsanwalt sei. Als sie Tamas Sebestyen schreibt, dass sie mit einem Besuch in Budapest versuchen will, endgültig mit ihren Erlebnissen abzuschließen, lädt sie der Anwalt in seine Heimat ein. Wenige Tage später sitzt die Neukirchen-Vluynerin im Flugzeug und fliegt in die ungarische Hauptstadt. Tamas Sebestyen zeigt ihr die Stadt mit den Orten ihrer Vergangenheit und lädt sie in sein Haus ein. Seitdem verbindet beide eine tiefe Freundschaft.

Auch Monika hat damals Glück im Unglück – sie wird nach einem Jahr durch Häftlings-Freikauf in den Westen zu ihrem Mann entlassen, mit dem sie zwei Töchter bekommt. „Die würde es ohne den Fluchtversuch wohl heute nicht geben“, sagt Annegret Werkle-Nagel. Wiedergesehen hat sie die beiden vor fünf Jahren in der Schweiz.

„Eine Heldin war ich ganz sicher nicht“, sagt Annegret Werkle-Nagel rückblickend, „vielleicht sogar naiv. Ich war eben keine professionelle Fluchthelferin, nur eine Frau, die helfen wollte.“ Was Beamtenwillkür und Unrechtsstaat damals bedeutet haben, hat sie am eigenen Leib erfahren. Aber auch, dass es Güte und Menschlichkeit auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs gab.

Davon erzählt sie bewusst auch jungen Menschen. Für viele bleibt es dennoch unfassbar, dass eine junge Frau ins Gefängnis kam, nur weil sie über jene Mauer hinweg zwei Menschen, die sich liebten, wieder zueinander bringen wollte.