Ein neues Leben aufbauen

Moers/Aleppo..  Im ersten Teil hatte der in Moers lebende Mohammed Al Kassab von seiner Flucht aus dem syrischen Aleppo berichtet. Vom türkischen Izmir sollte es per Boot nach Griechenland gehen.

Auf See geriet das Flüchtlingsboot in den Lichtkegel eines Polizeischiffs. Wie es die Schleuser geraten hatten, versuchten die Flüchtlinge, ihr Boot zu versenken. Männer in Marineuniformen und Skimasken fragten, ob Kinder an Bord seien – und dann fuhr das Schiff weiter. „Alle haben geschrien, unser Boot sackte immer mehr ab.“ Panik, Streit, Verzweiflung – der 40-jährige Mohammed Al Kassab kletterte mit sieben anderen über Bord, und sie versuchten schwimmend, das sinkende Boot in Richtung Land zu schieben.

„Aber es war aussichtslos.“ Während Mohammed Al Kassab sich von außen ans Boot klammerte, versuchten die Insassen vergeblich, mit ihren Handys Hilfe herbei zu telefonieren. Dann, zwei entsetzliche Stunden später, nahm ein türkisches Schiff die Schiffbrüchigen auf und brachte sie zurück. Zwei Tage danach – erneut mussten sie den Schleuser bezahlen – saßen der Dozent und sein Freund wieder in einem Boot voller Flüchtlinge aus Syrien. Und wieder fuhr die Angst mit: „Alle fingen an zu beten.“ Doch diesmal hatten sie Glück, denn der einzige Ägypter an Bord kannte sich mit Booten aus und steuerte es zur griechischen Insel Kos.

Es folgten vier Tage in einer Polizeistation, zusammen mit Hunderten anderer Flüchtlinge, alle ohne Decken auf dem nackten Boden schlafend; UN-Mitarbeiter versorgten sie mit dem Nötigsten. Von Kos aus ging es dann nach Athen, wo sich Mohammed Al Kassab und sein Freund eine kleine Wohnung mieteten. Der Dozent wollte allerdings nicht bleiben: „Deutschland ist eine Demokratie, dort gibt es Sicherheit.“ Doch aus Athen kamen sie nicht weg: „Wir haben zwei Monate versucht, aus Griechenland rauszukommen.“

Es leben, so der 40-Jährige, Syrer seit Jahren in Griechenland, ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Perspektive. Mohammed Al Kassab, der Mann, der aus Syrien floh, um in einer Demokratie zu leben, schloss sich einer friedlichen Demonstration vor dem griechischen Parlament an: „Ich sah keine andere Lösung. Es gab Gespräche mit Abgeordneten die sagten, sie würden sich in der Sache keinen Schritt bewegen.“

Nach zwei Tagen vor dem Parlament geschah dann ein kleines Wunder: Mohammed Al Kassab schaffte es mit der Hilfe von Schleppern in ein Flugzeug nach Wien und von dort nach Hamburg: „3000 Euro hat es gekostet.“ Von dort ging es weiter im Zug nach Dortmund, von Dortmund zur Anlaufstelle nach Unna-Massen, dann für zwei Wochen nach Wickede, und schließlich nach Moers.

Mohammed Al Kassab größter Wunsch ist es, sich hier ein neues Leben aufzubauen, hier vielleicht seinen Traum von einer Promotion zu verwirklichen. Beim „Bunten Tisch“ in Scherpenberg, bei Amar Azzoug, Hayat Ketfi und all den anderen, hat er eine Anlaufstelle, hat er Verständnis und Hilfe gefunden.

An dem Tag, als Marinesoldaten ihn und die anderen Flüchtlinge auf dem sinkenden Boot ihrem Schicksal überließen, sagten einige, es seien deutsche Marinesoldaten gewesen. Doch nach all seinen Erfahrungen in Deutschland sagt Mohammed Al Kassab: „Das glaube ich nicht.“ Denn hier ist er in Sicherheit, lebt er endlich in einer Demokratie. „Mein Schlüsselerlebnis war die Demonstration in Griechenland, als die Syrer ihre Menschenrechte einforderten.“

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