Dringend gesucht: Pflegeeltern

Foto: dpa
Andrea P. und ihr Mann leben mit vier eigenen und zwei Pflegekindern unter einem Dach. Paare wie die beiden Neukirchen-Vluyner sind derzeit gesuchter denn je.

Neukirchen-Vluyn..  Gar nicht einfach, sich mit Andrea P. (Name geändert) zu einem ruhigen Gespräch zu treffen. „Am besten vormittags, wenn die Kinder in der Schule sind“, sagt Andrea am Telefon. Als wir uns treffen, ist von Hektik aber nichts zu spüren. „Es ist schön, aber auch eine Herausforderung“, sagt Andrea über ihren Alltag mit vier eigenen und zwei Pflegekindern. „Ich bin als Kind auch in einer solchen Familie groß geworden und kenne die vielen positiven aber auch negativen Seiten einer solchen Familienkonstellation.“ Paare wie Andrea und ihr Mann, die Pflegekinder zuhause aufnehmen, werden immer seltener – und sind aktuell gerade in der Flüchtlingskrise gesuchter denn je.

Grundregel: Respekt

Dass wir nicht den richtigen Namen von Andrea P. nennen können, hat rechtliche Gründe. Die beiden Pflegekinder, die seit mehreren Jahren in ihrem Haus leben, sind hier anonym untergebracht. Zu ihrem Schutz muss ihr Aufenthalt geheim bleiben.

„Wie könnt ihr euch das antun“ – natürlich haben Andrea und ihr Mann diesen Satz auch schon gehört. Aber den Entschluss, neben ihren eigenen noch zwei Pflegekinder auf Dauer aufzunehmen, haben sie sich damals reiflich überlegt. Dabei, sagt Andrea, habe ihr christlicher Glaube eine große Rolle gespielt.

Andrea hat Abitur und arbeitete früher im gehobenen Beamtendienst. Klar war, dass sie ihren Beruf aufgeben würde. „Pflegekinder brauchen einfach mehr Zuwendung und das heißt automatisch auch mehr Zeit.“ Wichtig sei aber auch, dass man als Pflegefamilie Unterstützung und Hilfe bekommt. Die Zeit für sich selbst und für die Beziehung ist rar und kostbar geworden, aber enorm wichtig, sagt Andrea, die sich an zwei Wochenenden im Jahr feste Auszeiten ohne Kinder mit ihrem Mann nimmt. Auch für die Kinder gibt es „Kinder-Allein-Aktionstage“ mit Paten oder Freunden.

Die Grundregel in dem großen Haus: „Respektvoller Umgang miteinander. “ Klar, dass es Reibereien und Eifersüchteleien gibt. „Manchmal fragt man sich, ob man den Kindern das Teilen nicht richtig beigebracht hat“, sagt Andrea und lacht. Auch, dass jedes Kind ein eigenes Zimmer habe, sei von Vorteil. Selbst acht Menschen und zwei Bäder sei in der Regel kein Problem. „Wahrscheinlich, weil wir nicht alle zur gleichen Zeit raus müssen. Wir hatten allerdings auch schon mal eine Zeit, in der wir Duschmarken verteilt haben ...“

Warum sie gleich zwei Pflegekinder und nicht nur eines aufgenommen haben? „Für die Pflegekinder ist das ein klarer Vorteil, nicht allein mit ihrer Position in der Familie zu sein. Wenn sich die Kontakte zu den leiblichen Eltern als schwierig erweisen, wenn Enttäuschung und Wut mal wieder zu mächtig werden, haben die Pflegekinder immer jemanden, der diese Gefühle kennt.“

Das Familienfoto auf dem Wohnzimmerschrank zeigt ein Mann und eine Frau inmitten einer bunt gemischten Kinderschar zwischen sechs und 18 Jahren. Wer sich entscheidet, ein Pflegekind aufzunehmen, wird in der Regel gut betreut, „und ziemlich gut durchleuchtet und kontrolliert“, erzählt Andrea aus eigener Erfahrung. „Man muss bereit sein, ein offenes Buch zu sein.“

Kontakt zu Selbsthilfegruppen

Das Allerwichtigste: „Es müssen wirklich beide Partner wollen“, sagt Andrea, „sonst hält man die Spannungen, die einfach immer da sind, schlecht aus.“ Man müsse aber nicht alles alleine können und schaffen: „Es gibt professionelle Hilfe. Ich bin Mama – aber nicht unbedingt Therapeutin.“ Paaren, die darüber nachdenken, ein Pflegekind aufzunehmen, rät sie, schon im Vorfeld Kontakt zu Selbsthilfegruppen oder Adoptivelternkreisen aufzunehmen.

Wenn sich das Haus am Mittag wieder langsam füllt, geht der Alltag für Andrea weiter. „Mama“ ist gefragt – für alle sechs.

 
 

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