Draußen tanzen, singen und feiern

Der Moerser Jan Dieren lebt ein Jahr in Kolumbien und berichtet über das Weihnachtsfest 2011.
Der Moerser Jan Dieren lebt ein Jahr in Kolumbien und berichtet über das Weihnachtsfest 2011.
Foto: NRZ

Bogotá/Moers. Es gibt vieles, was man über die Unterschiede zwischen Deutschland und Kolumbien schreiben könnte. Aber eine Sache, bei der die Unterschiede besonders augenfällig sind, ist wohl eindeutig die Art und Weise, Weihnachten zu feiern.

Hier als Ausländer zu sein ließ die Meschen fragen, wie lange ich denn in Kolumbien bleiben würde – bis in den Sommer 2012. Und immer wurde gesagt, dass ich glücklich sein solle, über Weihnachten hier zu sein, weil Weihnachten hier etwas Besonderes sei, weil man Heiligabend auf die Straße gehe, um zu feiern, zu tanzen und zu singen.

Bereits ab November seien alle Menschen ausgelassen und in Feierlaune. Und so war es dann auch tatsächlich.

Was für eine Frage!

Es war gerade Anfang Dezember und ich wurde von meiner Chefin gefragt, was ich davon halten würde, wenn wir uns zu einem Arbeitsausflug am Wochenende einen Partybus mieten und in diesem feiernd, tanzend und singend die ganze Nacht durch Bogotá fahren wollen. Mein Fehler: Ich fragte nach dem Warum, woraufhin sie entrüstet zurückgefragt hat, was ich da für eine Frage stellen würde, das sei ja wohl offensichtlich, und wie ich denn auf die Idee kommen könne, das zu hinterfragen. Ich habe mich dann mehrfach entschuldigt, aber noch mal nachgefragt. Wieso? Natürlich weil bald Weihnachten sei! Am 9. Dezember. Natürlich. Was für eine Frage.

Ein Knallkörperverbot zu Weihnachten wegen Verletzten und Toten in den vorigen Jahren hält niemand davon ab, seit Wochen täglich Silvesterraketen in den Himmel zu schießen und klarzumachen, dass die Weihnachtszeit begonnen hat. Und an Heiligabend selbst schicken professionelle, von der Stadt bezahlte und vom Verbot selbstverständlich ausgenommene Pyrotechniker an verschiedenen Punkten Bogotás kunstvolle Feuerwerke in den Himmel.

Hier beginnt die Weihnachtszeit pünktlich mit dem Ende von Halloween. Und so durfte ich auch bereits, als ich am 2. November durch die Straßen lief, beobachten, wie Häuser mit Lametta, Rentieren sowie zahl- und farbreichen Lichterketten dekorierten wurden. Seit diesem Tag hat sich das Lichtermeer so weit ausgebreitet, das heute beinahe jedes Haus in meinem Viertel hell strahlt vor blauen, roten, grünen und gelben Lichterinstallationen, die mal mehr und mal weniger stilvoll Heiligabend ankündigen.

Die Touristen strömen fleißig. Auch von der Stadtverwaltung gibt es Lichterinstallationen, fast alle Parks sind hell erleuchtet und auch die größeren Einkaufsstraßen sind mit einem Lichterteppich überzogen. Offizielle Gebäude in Bogotá sind von blauem Lichterregen bedeckt und auf dem größten Platz der Stadt, der Plaza Bolívar, ragt ein riesiger verzierter Weihnachtsbaum aus einem Lichtermeer hervor.

Diesen Spaß lässt sich die Stadtverwaltung im Ganzen immerhin gut zehn Milliarden Pesos (vier Millionen Euro) kosten.

Sonderveranstaltungen

An den Novenas gibt es außerdem noch Sonderveranstaltungen der Stadt. Überall in ganz Bogotá werden Weihnachtsfeiern durchgeführt. Die Novenas sind die letzten neun Tage vor Weihnachten. Vom 16. Dezember an ist es üblich, jeden Morgen ein bestimmtes Gebet zu beten, um Gott vor Weihnachten besonders zu huldigen. Eine andere Besonderheit der Novenas ist, dass alle größeren Geschäfte, namentlich die großen Einkaufszentren, jeden Tag bis 0 Uhr nachts aufhaben, um den Ansturm der Mengen bewältigen zu können. Das ist in der Weihnachtszeit hier aber auch von größter Notwendigkeit, nicht nur, weil es den zahlreichen Studentinnen, die im Moment alle Semesterferien haben, die Möglichkeit gibt, die Ferien sinnvoll zu verbringen, sondern weil sämtliche Straßen – ganz zu schweigen von den riesigen Shopping-Malls – auch so schon gnadenlos überfüllt sind, und es undenkbar ist, diese Masse an Kundinnen in einem kleineren Zeitrahmen mit Geschenken, Süßwaren und Weihnachtsvergnügungen zu versorgen.

Aber trotz allem Einkaufswahn bin ich noch nicht einem Menschen begegnet, der über Weihnachtsstress geklagt hätte. Die gehetzten, über Zeitnot und Geschenkmangel jammernden Menschen, die mir aus eigener Erfahrung aus Deutschland so vertraut sind, scheint es hier nicht zu geben. Im Gegenteil, alle Prophezeiungen über Weihnachten hier haben sich bewahrheitet: Die Menschen sind ausgelassen, fröhlich, sie lachen, tanzen. An der Temperatur kann es kaum liegen, denn in der Regenzeit, die im Moment immer noch über Kolumbien herzieht, fühlt es sich, wenn nicht gerade die Sonne scheint, auf 2600 Metern Höhe auch nicht viel wärmer an als im Moment in Deutschland. Doch trotz alltäglich wiederkehrenden, sturzflutartigen Regengüssen die Menschen sind ausgelassen. Sie freuen sich, sprechen davon, Heiligabend auf der Straße dem Feuerwerk zuzusehen und mit den Nachbarn zu tanzen, mit ihren Bekannten zu trinken und nachher feiern zu gehen.

 
 

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