Zeugenbefragung eskaliert - Verhandlung abgebrochen

Laura Mock
Ein Strafverteidiger aus Dortmund ist bei einer Zeugenbefragung am Amtsgericht in Meschede aus der Rolle gefallen. Als eine Zeugin unter Tränen die Frage, ob der Angeklagte sie vergewaltigt habe, mit "nein" beantwortet hatte, sagte der Verteidiger: "schade". Die Richterin brach die Verhandlung ab.

Schmallenberg/Meschede. Obwohl die Zeugin mehrfach gesagt hatte, dass sie sich an die Details eines zweiten Vorfalls wegen sexueller Nötigung nicht mehr erinnern könne, fragte der Dortmunder Strafverteidiger weiter, bis er es auf die Spitze trieb: „Hat er Sie vergewaltigt?“ „Nein, hat er nicht“, erwiderte die Zeugin – mittlerweile genervt-trotzig und unter Tränen. „Schade“, entgegnete der Anwalt.

Zeugin stürmt unter Tränen aus Gerichtssaal

Totenstille herrschte im Gerichtssaal. Einen Moment später, als die ersten sich dieser Aussage bewusst wurden, ging ein Raunen durch den Saal. „Oh Gott, so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte eine Zuhörerin laut. Entsetzen war in dem Blick von Richterin Mareike Vogt abzulesen. „Die Verhandlung ist hiermit unterbrochen“, sagte sie laut und bestimmt während die Zeugin unter Tränen aus dem Gerichtssaal stürmte.

Nach einer kurzen Pause verkündete die Richterin, dass sie die Hauptverhandlung aussetzt. Gegebenenfalls müsse die Verhandlung zu einem späteren Termin neu beginnen.

„Eine solche Entgleisung habe ich noch nie erlebt“, erklärte Mareike Vogt später. „Da kann man nicht einfach weitermachen – am gleichen Tag sowieso nicht, und ob wir mit diesem Kollegen überhaupt noch weiter zusammenarbeiten können, muss noch entschieden werden.“

Erinnerungen an zweiten Vorfall verdrängt

In dem Verfahren gegen einen 28-jährigen Schmallenberger wegen sexueller Nötigung in drei Fällen und Beleidigung in vier Fällen hatte der Anwalt des Angeklagten die Zeugin, die laut Anklageschrift eine der Geschädigten ist, befragt. Während diese sich an die Details eines ersten Übergriffs in ihrem Zimmer in einer Wohngruppe noch erinnern konnte, sagte die junge Frau aus, dass sie die Erinnerungen an den zweiten Vorfall verdrängt habe. Dieser liegt mehr als eineinhalb Jahre zurück und fand bei einem Fernsehabend mit Freunden statt.

„Ich kann das nur aus den Erzählungen meiner Freunde, die dabei waren, wiedergeben“, sagte die Zeugin. So wie sie es bei der Polizei zwei Tage nach dem Vorfall erzählt hätte, sei es passiert. Damit wollte sich der Verteidiger aber nicht zufrieden geben. Er fragte immer weiter.

„Wenn sich die Zeugin nicht erinnern kann, müssen wir das akzeptieren“, versuchte die Richterin mehrfach, die Situation zu entschärfen. Es sei der Zeugin sogar zu Gute zu halten, dass sie die Erinnerungen ihrer Bekannten nicht als die eigenen ausgibt.

„Wir dürfen wegen Beleidigung erst ermitteln, wenn ein Strafantrag gestellt wird“, erklärte Oberstaatsanwalt Werner Wolff die Situation. Solange es diesen nicht gebe, werde auch nicht ermittelt.