Wie Katja Tiepelmann aus Bestwig Legehennen die Freiheit schenkt

Katja Tiepelmann aus Bestwig im Hochsauerlandkreis schenkt Fabrikhennen die Freiheit. Die junge Frau hat die Initiative "Rettet das Huhn" ins Leben gerufen.
Katja Tiepelmann aus Bestwig im Hochsauerlandkreis schenkt Fabrikhennen die Freiheit. Die junge Frau hat die Initiative "Rettet das Huhn" ins Leben gerufen.
Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool
Katja Tiepelmann aus Bestwig hat 2007 die Privatinitiative „Rettet das Huhn“ gegründet. Sie vermittelt Legehennen aus Frei- und Bodenhaltung, die nicht mehr genug Eier legen, an Tierfreunde. Seither konnte sie mit Mitstreitern 16.900 Tieren die Freiheit schenken.

Bestwig.. Elsa blickt minutenlang starr in den blauen Himmel. Körner, Käfer und Konkurrenten können das Huhn nicht ablenken. Es ist ein Augenblick, der berührt, der wie eine Szene aus einem Disney-Zeichentrick-Film anmutet. Mit der bunt-naiven Traumwelt hat das aber nichts zu tun. Elsa ist eine ­Fabrikhenne, ein sogenanntes Hybridhuhn, eine Kreuzung vom Typ Lohmann Braun, die noch nie zuvor in Freiheit war und nun den blauen Himmel bestaunt.

Elsa hat ihr ungezwungenes neues Leben Katja Tiepelmann zu verdanken. Die 32-Jährige aus Bestwig hat 2007 „Rettet das Huhn“ gegründet. Seither wächst die Zahl der Mitstreiter, die in 14 Bundesländern aktiv sind. „16 900 Legehennen aus Frei- und Bodenhaltung konnten wir bisher die Freiheit schenken“, sagt die gebürtige Siegenerin, die in Bestwig auf ihrer vor dem Haus liegenden Wiese ein Gehege angelegt hat.

Vegetarisches Essen als Dankeschön

Dort sonnen sich neun Hühner, die zuvor mit 18 Artgenossen auf einem einzigen Quadratmeter in mehreren Etagen übereinander Eier legen mussten. 16 900 Tiere konnten an mehr als 500 mitfühlende Menschen vermittelt werden. „Manche von ihnen adoptieren bis zu 50 Hühner und mehr. Dabei handelt es sich nicht nur um ausgewiesene Tierschützer, sondern auch um Bürger, die einfach nur ein Herz für diese Tiere haben und bereits welche besitzen.“

Die Arbeit sei nicht leicht, erzählt Katja Tiepelmann. Eine gehörige Portion Idealismus gehöre dazu. „Die Kosten, vor allem für die Transporte, versuchen wir durch freiwillige Spenden zu decken.“ Die diplomierte Sozialpädagogin, die in ihrem Beruf psychisch erkrankte Menschen betreut, weiß, dass sie nur einem Bruchteil des ­Federviehs ein artgerechtes Leben schenken kann: „40 Millionen ­Legehennen gibt es in Deutschland. Da sind 16 900 nicht viel“, sagt sie mit ruhiger Stimme.

Tatsächlich präsentiert sich die Neu-Sauerländerin nicht so wie man sich eine engagierte Tierschützerin vorstellt. Sie demonstriert nicht permanent aggressiv gegen Massentierhaltung. Sie strahlt innere Ruhe aus. Ihre Argumente sind treffend. Sie hat wenig Zeit für ihren Freund, weil sie oft bis in die Nacht am Computer sitzt und nach adoptionswilligen Hühnerfreunden fahndet. Sie sei zutiefst zufrieden, erklärt sie. Denn Hühner, so Katja Tiepelmann, faszinierten sie wegen einer besonderen Eigenschaft: „Sie leben im Augenblick, sie genießen ihn. Beobachtet man sie dabei, hat das etwas besonders Beruhigendes.“

Mit den meisten Betreibern von Legehennen-Fabriken in Südwestfalen hat sich die 32-Jährige arrangiert. „Einige von ihnen sind sogar froh, wenn wir kommen.“ Nicht ­allen seien die Hühner „vollkommen gleichgültig“. Und es komme sogar schon mal vor, dass sie sich bei einem Betreiber für die Freilassung von 1600 Hühnern mit einem vegetarischen Essen bedanke.

Die Qualen der Legehennen

Seit 2007 laufen Monat für Monat die Rettungsaktionen, fahren Transporter mit Anhängern vor ­Legehennen-Fabriken vor. Für die Betreiber rechne sich das, erklärt Katja Tiepelmann: „Wenn sie weniger als 1000 Hühner zum Schlachter fahren, zahlen sie drauf. Dann sind wir zur Stelle“

Die 32-Jährige kennt die Qualen der Legehennen, die Tag für Tag auf engstem Raum produzieren müssen ohne dass sie je das Tageslicht sehen. „Nach einem Jahr kommen sie in die Mauser und legen nur noch fünf Eier. Dann werden sie zu entsorgt - das bedeutet: Sie werden zu Tierfutter verarbeitet oder landen in Biogasanlagen.“ 4400 Tiere will sie allein bis zum nächsten April befreien. Katja Tiepelmann ist zuversichtlich, dass die Hühner gut unterkommen. Immerhin würden täglich an die 300 Menschen die Homepage von "Rettet das Huhn" anklicken, sagt sie.

Ihren Neuen - Mia, Hanna, Scheckie und Elsa - sieht man an, woher sie kommen. Mia hat kaum noch Federn an den Flügeln, die Kiele zeichnen sich ab. Hanna ist von Geschwüren gezeichnet. Mit ihren angesengten Schnäbel haben sie es schwer, Körner vom Boden zu ­picken. Das ist zurzeit aber zweitrangig. Denn noch recken sie lieber ihre Köpfe in die entgegengesetzte Richtung - wenn es nach Katja Tiepelmann ginge, würden alle Hühner dieser Welt entspannt zum Himmel blicken.

 
 

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