Was Griechenland vom Tourismus im Sauerland lernen kann

Ein spiritueller Ort: Das Kloster Kipina in der Region Epirus.
Ein spiritueller Ort: Das Kloster Kipina in der Region Epirus.
Foto: Getty Images
Der Spirituelle Sommer ist ein viel beachtetes Pilotprojekt interkommunaler Vernetzung. Das sieht sich jetzt auch eine Delegation aus Epirus an.

Schmallenberg.. Pilgerwege in Griechenland? Die gibt es nicht. In Südwestfalen hingegen ist die Verbindung von Spiritualität und Tourismus in nicht einmal fünf Jahren zur Erfolgsgeschichte geworden. Die soll den Griechen jetzt aus der Krise helfen. Ab Dienstag reist eine achtköpfige Delegation aus der Region Epirus von Altena über Möhnesee-Drüggelte, Meschede und Arnsberg bis nach Schmallenberg durch Südwestfalen und informiert sich, wie beim Spirituellen Sommer Naturplätze, besondere Orte und Wege neu entdeckt werden. Auf dem Gebiet interkommunaler Vernetzung gewinnt Südwestfalen am Beispiel des Spirituellen Sommers eine auch international zunehmend gewürdigte Pionierrolle.

Vom Ehrenamt unterstützt

Der Spirituelle Sommer wird von einem Netzwerk unterschiedlicher Akteure getragen: Kirchen, Tourismus, Heimat- und Kulturvereine. Das Projekt spielt kreis- und gemeindeübergreifend in ganz Südwestfalen. Das Konzept einer interkommunalen, stark vom bürgerschaftlichen Ehrenamt unterstützten Initiative ist in Griechenland bisher fremd. „Alle profitieren von einem solchen Netzwerk. Doch dieses aufzubauen, ist ein langjähriger Prozess. Die Mitwirkenden in Südwestfalen sind sehr motiviert. Deutsche Experten helfen den Griechen, solche Strukturen aufzubauen“, schildert Benjamin Querner das Ziel der neuen Partnerschaft zwischen den Regionen Epirus und Südwestfalen.

Querner ist Referent im Stab des Parlamentarischen Staatssekretärs Hans-Joachim Fuchtel (MdB), dem Beauftragten für die Deutsch-Griechische Versammlung (DGV). Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eine Abteilung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Ziel der DGV ist es, die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Griechenland auf kommunaler Ebene zu fördern.

Doch woher weiß das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung überhaupt vom Spirituellen Sommer in der tiefen Provinz? Der Kontakt ist im März auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin entstanden. Dort traf Querner Hubertus Schmidt und Prof. Dr. Susanne Leder. Der Schmallenberger Tourismusdirektor Schmidt gehört zu den Vätern des Spirituellen Sommers. Und Susanne Leder begleitet die Pilot-Initiative als Professorin der Fachhochschule Südwestfalen in Meschede wissenschaftlich.

Schwarmintelligenz nutzen

Die Entwicklung neuer touristischer Produkte steht in der Regel vor folgendem Problem: Oft handelt es sich um Aktionen oder Baumaßnahmen, die der betreffenden Region und ihren Bewohnern von außen übergestülpt werden. Beim Spirituellen Sommer sind nun im Gegenteil Einheimische und Gäste gleichermaßen angesprochen. Das Angebot hat sich mit vielen Mitspielern von unten entwickelt, profitiert gewissermaßen von der „Schwarmintelligenz“ der ganzen Region.

Spirituelles Reisen erfüllt ohnehin ein Bedürfnis vieler Menschen, weiß Prof. Dr. Susanne Leder, die mit ihren Studenten die Akteure und die Gäste des Spirituellen Sommers umfassend befragt hat.

„Bei meinen Untersuchungen hat sich herausgestellt, dass Komplexität, Geschwindigkeit, zunehmende Technisierung und Medialisierung der Gesellschaft die Menschen zu einem Punkt bringen, wo sie zurückkehren möchten zu einer ruhigeren Phase. Spiritueller Tourismus bedeutet für mich eine wichtige Angebotsform, die den Bedürfnissen unserer Gesellschaft entspricht und damit an Bedeutung gewinnt.“

An der FH Meschede wird sich die griechische Delegation über diese Forschungen informieren, denn auch für die touristisch noch wenig erschlossene Region Epirus im Nordwesten Griechenlands zwischen Pindosgebirge und Ionischem Meer könnte spiritueller Tourismus eine Zukunftschance bieten.

Ein erstes Vorhaben soll die Entwicklung von qualifizierten Pilger- und Wanderwegen sein – der Rothaarsteig auf Griechisch sozusagen. Doch Wege machen vor kommunalen Grenzen nicht halt, und für diese Form von Kooperation über die Kirchtürme hinweg gibt es in Griechenland bisher kein Beispiel. Prof. Leder: „Den Griechen geht es vor allem darum, wie in unserer Region die Vernetzung gelingt.“

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