„Und dann wachte ich in der Klinik auf“

Gefährliche Waldarbeiten: Aufräumarbeiten nach „Kyrill“ mit einem Bagger bei Freienohl.
Gefährliche Waldarbeiten: Aufräumarbeiten nach „Kyrill“ mit einem Bagger bei Freienohl.
Foto: WR
Stefan Rölleke ärgert sich. Bei der Rückschau auf das „Kyrill“-Jubiläum würden nur die wirtschaftlichen Schäden damals durch den Orkan beklagt. Die Opfer aber würden vergessen. Dabei hat „Kyrill“ auch sein Leben einschneidend verändert. Stefan Rölleke ist seitdem gelähmt.

Freienohl. Stefan Rölleke ärgert sich. Bei der Rückschau auf das „Kyrill“-Jubiläum würden nur die wirtschaftlichen Schäden damals durch den Orkan beklagt. Die Opfer aber würden vergessen. Dabei hat „Kyrill“ auch sein Leben einschneidend verändert. Stefan Rölleke ist seitdem gelähmt.

In der offiziellen Orkan-Bilanz taucht der Freienohler nicht auf. Denn „Kyrill“ hat ihn nicht in der Sturmnacht im Januar 2007, sondern mit dem Abstand eines Jahres getroffen. Der damals 38-jährige Forstwirt war am 11. Februar 2008 mit Aufräumarbeiten im Arnsberger Stadtwald bei Wennigloh beschäftigt. Als Motorsägenführer beim Forstwirtschaftlichen Lohnunternehmen Feldmann aus Freienohl war Rölleke damit beschäftigt, umgestürzte Bäume von den Wurzeln zu trennen.

„Abstocken“ nennen das die Experten. Die Bäume lagen kreuz und quer. Auch nach einem Jahr standen sie noch unter Spannung. Was genau passierte, weiß man nicht. Auch Stefan Rölleke nicht. Das Amt für Arbeitsschutz hat es später versucht, nachzustellen. Ohne Erfolg. Beim Sägen muss ein Baum hochgeschnellt sein. Er begrub den Freienohler auf einmal unter sich.

Sein Kollege, der Maschinenführer im Vollernter, sah ihn plötzlich nicht mehr. Noch im Hinlaufen zu dem Verunglückten setzte er die Rettungskette in Gang. Ein Hubschrauber landete noch im Wald. „Ich fiel im Wald um und dann wachte ich in Bochum auf“, erinnert sich Rölleke. 17 Tage war er in einer Dortmunder Unfallklinik und 26 Wochen im Bochumer Bergmannsheil. Die gebrochenen Rippen waren das eine, die wirklich niederschmetternde Diagnose aber waren die vier gebrochenen Wirbel am Rücken. Stefan Rölleke war von der Brust an abwärts gelähmt. Er würde im Rollstuhl sitzen. Irgendwann kam in Bochum der Stationsarzt angerollt mit der brutalen Wahrheit: „So Stefan, jetzt musst du damit klarkommen.“ Der Arzt saß, Folge eines Skiunfalls, selbst im Rollstuhl.

Frührentner

Mit 38 Jahren wurde Stefan Rölleke Unfallrentner, Frührentner. Eine Umschulung für einen Beruf im Büro wäre nichts für ihn: „Ich und schreiben? Das sind zwei Welten.“ 20 Jahre arbeitete er im Forst. Das Schlimmste war bis dahin ein gequetschter Finger gewesen. Waldarbeit ist umgemein gefährlich. Im Windwurf werden ausschließlich erfahrene Leute eingesetzt. Vorwürfe kann er niemandem machen. „Das ist Schicksal. Ich war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.“

Sein Unglück ist als Arbeitsunfall anerkannt. Für ihn begann ein ganz neuer Alltag. Um Details seiner Versorgung musste vor dem Sozialgericht gestritten werden. „Es wird alles anders“, das kann der verheiratete Mann sagen: „Abfinden geht nicht, nur arrangieren.“

Er erledigt den Haushalt, kauft ein, macht Modellbau, dient den Freienohler Schützen als stellvertretender Kompanieführer der Zweiten. Sportlich ist er: Während seiner Reha lernte er Basketball kennen. Inzwischen spielt er Rollstuhlbasketball in Olsberg. Und er fährt ein „Handbike“, einen sportlichen Rollstuhl, dass er nur durch die Kraft seiner Arme antreiben kann. Sein Ziel: Irgendwann einmal einen Handbike-Marathon bestehen zu können. „Ich will mich in Form halten. Es ist schöner, sich abends ins Bett zu legen, wenn man müde ist – und nicht, weil man nicht mehr sitzen kann.“

Als Behinderter sieht er jetzt die andere Seite. Etwa, was Barrierefreiheit bedeutet. Wer glaube, da ist alles perfekt, sagt er zum Beispiel mit Blick auf Mescheder Geschäfte, „der soll sich mal in einen Rolli setzen“. Und bei der Henne-Öffnung lese er immer von Terrassen und Stufen: „Wie kann ich die bewältigen?“

Stefan Rölleke denkt positiv: „Es geht nicht mehr alles. Aber es geht verdammt viel.“ An jedem 11. Februar feiert er inzwischen Geburtstag.

Durch „Kyrill“ starben europaweit 47 Menschen. In Deutschland kamen 13 Menschen ums Leben. Bei den Aufräumarbeiten starben allein in NRW bis Mitte Januar 2008 weitere sechs Menschen. Mehr als 700 Unfälle mit Verletzten wurden bis dahin gezählt. Der Unfall von Stefan Rölleke ereignete sich erst später. Den Gesamtschaden durch den Orkan schätzte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft auf 2,4 Milliarden Euro. Es gab 2,3 Millionen Schadensmeldungen. Die nicht versicherbaren forstwirtschaftlichen Schäden beliefen sich auf 58,8 Millionen Festmeter an Sturmholz.

 
 

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