Studentin erzählt vom Weltkrieg in Echtzeit - auf Twitter

Charlotte Jahnz twittert jeden Tag Zeitzeugenberichte von vor 70 Jahren.
Charlotte Jahnz twittert jeden Tag Zeitzeugenberichte von vor 70 Jahren.
Foto: privat
Die letzten Kriegsmonate in Kurznachrichten: Die Mescheder Geschichtsstudentin Charlotte Jahnz und das Projekt „@digitalpast - Heute vor 70 Jahren“.

Meschede/Bonn.. In dieser Woche jährt sich zum 70. Mal das Kriegsverbrechen, das unter der Bezeichnung „Massaker im Arnsberger Wald“ in die Geschichte eingegangen ist: Zwischen dem 20. und 23. März 1945 wurden im Raum Warstein und Eversberg von Angehörigen der Waffen-SS mehr als 200 Zwangsarbeiter sowie zwei Kinder auf brutalste Weise ermordet.

Die Mescheder Geschichtsstudentin Charlotte Jahnz, die gegenwärtig an der Universität Bonn ihre Master-Arbeit schreibt, hat gemeinsam mit vier weiteren Kommilitonen das Twitter-Projekt „@digitalpast - Heute vor 70 Jahren“ eingerichtet, das die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs anhand wichtiger Ereignisse ins neuerliche Bewusstsein rufen will. Dazu gehört eben unter anderem auch das Verbrechen im Sauerland.

Schon fast 11.000 Follower

Am 27. Januar startete die angehende Historikerin ihren Twitter-Aufruf, der am 8. Mai enden wird. Inzwischen wurden bereits annähernd 11.000 Follower registriert, die die jeweiligen Kurz-Einträge verfolgen, ergänzen und mit eigenen Fragen versehen. „Wir bemühen uns, auf alle Reaktionen einzugehen“, berichtet Charlotte Jahnz. Durchschnittlich zwei Stunden und mehr beansprucht sie diese Arbeit täglich. Die Twitter-Teilnehmer sind zwischen 15 und weit über 70 Jahre alt; das moderne Medium hat naturbedingt in der Hauptsache jüngere Nachfolger.

Doch auch Generationensprünge und -verbindungen funktionieren: „Uns ist auch schon über den Twitter-Kontakt das Tagebuch eines Vaters aus den letzten Kriegstagen kenntlich gemacht worden“, erzählt die Geschichtsstudentin, die ihren ehrenamtlichen Ehrgeiz im Bereich der sozialhistorischen Forschung verortet sieht: „Wir wollen Menschen erreichen, die sich sonst nicht so sehr für Geschichte interessieren. Wir wollen sie für ihre eigenen Familienvergangenheiten sensibiliseren und Schwellenängste vor dem Thema abbauen“, erklärt die Meschederin.

Ein Twitter-Eintrag ist systembedingt auf 140 Zeichen begrenzt - Geschichtsunterricht im Sparmodus sozusagen. Für die jüngere Generation besteht aber gerade darin der Reiz - die verkürzte Dialogform auf der Basis der Neuen Medien.

Das „digitalpast“-Team hat seit August 2014 an dem Projekt vorbereitend gearbeitet. Ein eigenes Buch ist zusätzlich dazu erschienen (siehe auch Kasten auf dieser Seite). Die ins Netz gestellten Twitter-Einträge stammen von einer Berliner Journalistin, einem ehemaligen KZ-Häftling, einem Gemeindepfarrer und anderen Zeitzeugen. Das macht sie authentisch und unmittelbar.

Ein Buch begleitet das Projekt

Der 27. Januar 1945 war der Tag der Auschwitz-Befreiung, der 8. Mai kennzeichnet das offizielle Kriegsende. In diesem Zeitrahmen werden jetzt, 70 Jahre später, die wichtigsten Ereignisse noch einmal per Twitter mehrmals täglich in Erinnerung gerufen und auf diese Weise zur Diskussion und zur Reaktion gestellt.

„Wir wollen Geschichte vermitteln und auch Interesse und Kompetenz abfragen“, sagt Charlotte Jahnz. Sie selbst habe beispielsweise alle ihre Geschichtslehrer aus der Schulzeit in Meschede ermutigt, sich an dem Projekt zu beteiligen. Ob es tatsächlich an den Schulen irgendwo in Deutschland in den Unterricht mit einfließt, weiß sie allerdings nicht. Eine Freundin aber hat ihr immerhin Mut gemacht: „Wenn ich Lehrerin wäre, würde ich das ganz bestimmt im Leistungskurs Geschichte verpflichtend aufnehmen.“

Ihre Masterarbeit schreibt Charlotte Jahnz übrigens nicht über „digitalpast“: „Da bin ich selbst viel zu dicht dran und kann keine wissenschaftliche Distanz wahren.“ Stattdessen lautet das Thema der 26-jährigen Jungakademikerin: „Das Frauenbild in Zeitschriften“.

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