Nur Arnsberg knackt Geburtenmarke

Ben und Mia konnten bisher auch in Meschede zur Welt kommen - ab 2017 geht das nicht mehr.
Ben und Mia konnten bisher auch in Meschede zur Welt kommen - ab 2017 geht das nicht mehr.
Foto: dpa
  • Krankenhausträger könnten Defizite einer Station mit Gewinnen aus anderen Bereichen ausgleichen
  • Geburtshilfe kann auch mit unter 1000 Geburten jährlich rentabel sein
  • Werdende Eltern suchen Klinik für die Entbindung auch wegen individuellen Wohlfühlfaktoren aus

Meschede..  In den Krankenhäusern in Warstein (260 Geburten), Brilon (537) und Lennestadt ( 377) sind im letzten Jahr weit unter 1000 Babys zur Welt gekommen - genauso wie im St.-Walburga-Krankenhaus in Meschede (410). Bei den drei anderen Kliniken gibt es trotz wenigen Geburten keine bekannten Schließungspläne. Die Mescheder Krankenhausleitung hat die Zahl von 1000 Geburten jährlich als Marke für eine rentable Gynäkologie/Geburtshilfe in den Raum gestellt. Die Leitung zitierte die Deutsche Krankenhausgesellschaft mit dieser Zahl. Diese Schwelle hat in der Umgebung nur Arnsberg mit 1229 Geburten überschritten. Wie kommt es aber, dass nur die Geburtshilfe/Gynäkologie im St.-Walburga-Krankenhaus geschlossen wird?

Zahl nicht bestätigt

Weder die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) noch das Gesundheitsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen wollen der Aussage der Krankenhausleitung mit 1000 Geburten zustimmen. „Es kann keine pauschale Aussage getroffen werden, wann eine Gynäkologie rentabel ist“, erklärt Lothar Kratz, Referatsleiter Politik und Presse der DKG Nordrhein-Westfalen. Wann eine Geburtshilfe wirtschaftlich sei, hänge von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel, wie lange eine Patientin in der Klinik bleibe, oder ob es viele Risikogeburten gebe. „Eine Geburtshilfe kann auch mit 600 oder 800 Geburten im Jahr wirtschaftlich sein“, so Kratz.

Christoph Meinerz, Pressesprecher des Gesundheitsministeriums NRW, hält es auch nicht für möglich, sich auf diese pauschale Zahl festzulegen. Zu viele Faktoren würden bei der Wirtschaftlichkeit eine Rolle spielen. Meinerz sagt: „Die Gynäkologie ist ein komplexes Versorgungsgebiet. Grundsätzlich hat die Sicherheit von Mutter und Kind oberste Priorität.“ Er berichtet aber: „Je höher die Fallzahlen sind, umso wirtschaftlicher kann sich die Versorgung für das einzelne Krankenhaus darstellen.“

Wirtschaftliche Entscheidung

Der Pressesprecher des Ministeriums erläutert: „Ein Krankenhausträger kann eine Abteilung schließen, da er über sein unternehmerisches Angebot selbstständig entscheidet. Dies kann das Land nicht untersagen.“ Wenn also die Gynäkologie eines Krankenhauses geschlossen wird, handele es sich um eine „strategische und wirtschaftliche Überlegung“ des jeweiligen Krankenhausträgers, erklärt Meinerz.

Kratz nennt es eine „unternehmerische Entscheidung“. Zum konkreten Fall in Meschede könne er nicht sagen, wann die Geburtshilfe wirtschaftlich sei. Allerdings merkt Kratz an, dass es sich kein Krankenhaus leicht mache, eine Abteilung zu schließen. Eine Klinik müsse hinsichtlich des Images abwägen, ob es die Geburtshilfe am Standort schließen kann. Meinerz erklärt, dass es grundsätzlich auch möglich sei, eine Abteilung die Verluste schreibt, mit Gewinnen aus anderen Bereichen quer zu finanzieren. Dies müsse aber immer der Krankenhausträger entscheiden.

Eine gute Versorgung in der Geburtshilfe in ländlichen Gebieten sieht der Pressesprecher des Gesundheitsministeriums nicht gefährdet. Das Land NRW müsse im ländlichen Raum nicht umdenken. Bei der regionalen Betrachtung müssten auch Kliniken mit Geburtshilfen in der Nähe einbezogen werden. Zum Beispiel sei von Oberkirchen der Kreis Bad Berleburg besser erreichbar als Arnsberg.

„Viele Schwangere suchen die Geburtsklinik lange vor dem errechneten Geburtstermin aus“, sagt Meinerz. Dabei sei die Wohnortnähe häufig nicht das Hauptkriterium für die Wahl des Krankenhauses. Es gehe vielmehr um individuelle Wohlfühlfaktoren. Im NRW-Krankenhausplan steht, dass eine Klinik nur 15 bis 20 Kilometer vom Wohnort entfernt sein darf. Dies beziehe sich aber auf die Grundversorgung (Innere Medizin und Chirurgie), dazu zähle die Gynäkologie/Geburtshilfe nur eingeschränkt - deswegen gelte diese Regel hier nicht.

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