Notunterkunft im Haus Dortmund

Sie bringen den Flüchtlingen in der Notunterkunft erste Wörter auf Deutsch bei: Waltraud Döring und Jens Petschke (vorne rechts am Tisch) sind zwei der Helfer, die sich ehrenamtlich engagieren.
Sie bringen den Flüchtlingen in der Notunterkunft erste Wörter auf Deutsch bei: Waltraud Döring und Jens Petschke (vorne rechts am Tisch) sind zwei der Helfer, die sich ehrenamtlich engagieren.
Foto: Jürgen Kortmann
112 Asylbewerber leben in Meschede in der ehemaligen Jugendherberge Haus Dortmund. Sie dient seit Juli als Notunterkunft. 62 der 112 Bewohner kommen aus Albanien.

Meschede.  Seit einem Monat leben Flüchtlinge im „Haus Dortmund“. Die frühere Jugendherberge ist eine Notunterkunft. Hier ist eine erste Zwischenbilanz mit den Fakten.

Wer lebt hier?

112 Asylbewerber (65 Männer, 47 Frauen; 81 Erwachsene, 31 Kinder) leben dort. 42 von ihnen sind seit der Eröffnung am 3. Juli hier. Eigentlich sollen sie viel schneller in die nächsten, nicht mehr provisorischen Unterkünfte weitervermittelt werden. Es hakt also im System. Einrichtungsleiter Marius Meyer führt das auf den großen Andrang an Flüchtlingen zurück: „Der Druck ist, dass so viele Menschen kommen“ – letztlich kommen die Sachbearbeiter mit der Bearbeitung ihrer Fälle nicht nach, und zu wenige Unterkünfte gebe es auch.

Woher kommen sie?

Die Menschen im Haus Dortmund kommen aus zwölf Staaten. 62 der 112 Flüchtlinge sind Albaner, mit 55 Prozent stellen sie damit den größten Anteil. Es folgen neun Mazedonier (8 Prozent), dann jeweils sieben aus Bosnien und Syrien (6,3 Prozent), je fünf aus Irak und China (4,5 Prozent). Dass der Asylantrag von Albanern quasi keine Chance hat, ist in der Notunterkunft kein Thema für Marius Meyer. Er weiß aber: „Das dicke Ende kommt erst noch.“

Ginge noch mehr?

Ja, eigentlich sollen in der Notunterkunft 140 Menschen leben. Die Kapazität wird aber nicht ausgeschöpft: Aus Brandschutzgründen ist die ehemalige Wohnung der Herbergseltern nicht belegt – die nötigen Brandschutztüren sind derzeit knapp auf dem Markt. Die Zimmer sind aktuell mit zwei bis zwölf Menschen belegt.

Wie lange Notunterkunft?

Haus Dortmund ist von der Bezirksregierung angemietet und wird dem Malteser Hilfsdienst mietfrei zur Verfügung gestellt. Die Malteser haben den Auftrag, die Notunterkunft bis Ende April 2016 zu führen. Nur so lange laufen bislang auch die 40 Arbeitsverträge. Einrichtungsleiter Marius Meyer geht angesichts des großen Bedarfs von einer langfristigen Einrichtung aus: „Ich persönlich stelle mich darauf ein, dass Haus Dortmund eine Dauereinrichtung wird.“

Was kostet das?

Der genaue Etat für die Notunterkunft steht nicht fest. Pro Asylbewerber rechnet die Bezirksregierung mit durchschnittlich 800 Euro an Kosten im Monat. Pressesprecher Christoph Söbbeler weist auf die aktuelle Notlage bei der Unterbringung hin: „Entweder wir kriegen das hin, oder die Leute schlafen buchstäblich unter der Ruhrbrücke.“ Derzeit gibt es im Regierungsbezirk 63 Notunterkünfte und 19 zentrale Dauereinrichtungen – Ende der Woche werden es schon mehr als 70 Notunterkünfte sein.

Zu abgelegen?

Die Lage: Marius Meyer lobt die Unterkunft, „es gibt keinen Zaun, das wirkt nicht wie ein Gefängnis.“ Die Abgelegenheit im Wald habe den Vorteil, dass die Flüchtlinge zur Ruhe kommen könnten; den Nachteil, dass irgendwann Langeweile aufkomme. Problematisch sei wiederum die offene Lage: „Es ist schon schwierig, einen Überblick zu haben, wer gerade da ist.“

Welche Schicksale?

Aktiv werden die Flüchtlinge nicht auf ihr Schicksal, auf ihre Vergangenheit, ihre Erfahrungen angesprochen: „Ich darf bei den Menschen nicht den Eindruck erwecken, dass ich ihr Asylverfahren beeinflussen kann“, sagt Marius Meyer. Viele Flüchtlinge wirkten „recht still“, andere seien „froh und gelöst“, dass sie den schwierigsten Teil ihre Flucht hinter hätten.

Gibt es Übergriffe?

Bislang nicht. Einrichtungsleiter Meyer verzeichnet innerhalb der Unterkunft keinen Streit, weder unter den Flüchtlingen, noch mit Betreuern. Übergriffe von außerhalb gibt es keine, auch keine Anfeindungen. An der Unterkunft wird ein Sicherheitsdienst eingesetzt.

Wer betreut?

Zweck einer Notunterkunft ist eigentlich, wie es der Name sagt, den Menschen als erstes nur Betten und Essen zur Verfügung zu stellen. Mit dem weiteren Asylverfahren hat die Mescheder Einrichtung nichts zu tun. Auch eine Betreuung ist eigentlich nicht vorgesehen: Denn die Flüchtlinge sollen ja schneller weiterverteilt werden. „Wir können keinen Sprachkurs anbieten, wenn wir davon ausgehen müssen, dass die Leute nach ein oder zwei Tagen hier weg sind.“ Aber weil die Unterbringung doch länger dauert, versuchen die Malteser zumindest eine zeitweise Betreuung: „Wir wollen ja nicht nur verwahren, sondern die Flüchtlinge sollen sich wohlfühlen.“ Allerdings gibt es räumliche Grenzen: Die beiden Aufenthaltsräume dienen auch als Essbereich.

Wie helfen die Mescheder?

Die Malteser bieten, mit Ärzten aus Meschede und Umgebung, dreimal wöchentlich ärztliche Sprechstunden an. Ehrenamtlich engagieren sich auch Mescheder. Für Kinder wird versucht, ein Programm zu machen. Die Erwachsenen dürfen auf dem Gelände kleine Tätigkeiten erledigen, etwa den Müll wegräumen oder in der Kleiderkammer helfen. Der Tag steht Flüchtlingen zur freien Verfügung: „Das sind freie Menschen.“ Sie dürfen auch anderswo übernachten, müssen nur ständig erreichbar sein, falls innerhalb der nächsten Stunden ihr Asylverfahren an einem anderen Ort weitergeht.

 
 

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