Mescheder Geschichte um Mord und Sühne nach dem Kriegsende

1964 wird das Sühnekreuz  ausgegraben, es ist stark zerstört. Erst 1981 findet es einen dauerhaften Platz in der Kirche Mariä Himmelfahrt. Die Geschichte um Mord und Sühne haben Jens Hahnwald und  Peter Bürger aufgeschrieben.
1964 wird das Sühnekreuz ausgegraben, es ist stark zerstört. Erst 1981 findet es einen dauerhaften Platz in der Kirche Mariä Himmelfahrt. Die Geschichte um Mord und Sühne haben Jens Hahnwald und Peter Bürger aufgeschrieben.
Foto: WP
Regionalforscher haben die Geschichte um das Massaker im Arnsberger Wald an 208 polnischen und russischen Zivilisten und die sich anschließende Geschichte um das Mescheder Sühnekreuz aufgeschrieben und dokumentiert.

Meschede/Warstein.. In einem frei zugänglichen, 200 Seiten starken Internetwerk haben die Regionalforscher Jens Hahnwald (Arnsberg) und Peter Bürger (Eslohe/Düsseldorf) ehrenamtlich die Kriegsendverbrechen im Arnsberger Wald und die Geschichte des Sühnekreuzes aufgearbeitet. Jens Hahnwald hat die Dokumentation der Gerichtsprozesse übernommen. „Es wäre schön, wenn unsere Fleißarbeit nun auch viele Leser fände“, sagt Peter Bürger, der die Quellen zum Sühnekreuz zusammengefasst und interpretiert hat.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, die Geschichte des Sühnekreuzes aufzuschreiben?

Peter Bürger: In den 1980er-Jahren habe ich als junges „pax christi“-Mitglied das letzte Kapitel des Sühnekreuz-Streites in Meschede selbst miterlebt. Wunderbare Menschen wie Irmgard Rode klärten uns auf. Jetzt ist es an der Zeit, das damals angelegte Archiv endlich einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln.

Es gab heftigen Widerstand gegen die Errichtung des Sühnekreuzes. Welche Strömungen waren da am Werk?

Bürger: 1947 sagten zum Beispiel die Rechten in Meschede: „Man hätte damals besser 80 000 statt 80 Russen umgebracht.“ Auf der anderer Seite standen ernste Persönlichkeiten wie der Katholik Georg D. Heidingsfelder. Diese Nachdenklichen sagten: „Wir müssen nach Menschenverachtung und Rassismus einem radikal neuen Mescheder Denken Wege bahnen: Wir müssen wieder Christen werden!“

Gab es für Sie besonders überraschende Erkenntnisse?

Bürger: Erschreckend war immer, dass eine Fraktion nur auf die Plünderungen nach Kriegsende sehen wollte. Die nahe Blutspur in der Kriegs-Endphase und 20 Millionen Tote in der Sowjetunion waren kein Thema. Nun habe ich auch andere Seiten beachtet: Ein Jurist im Raum Sundern beschreibt mit Erschütterung, wie die Elendstrecks der Zwangsarbeiter durch sauerländische Dörfer zogen und Hungernde wegen des Mundraubs einer Rübe aus dem Feld erschossen wurden. Der Mescheder Pfarrvikar Franz-Josef Grumpe wusste 1945 genau, wie man vor der Haustüre die Zwangsarbeiter sadistisch gequält hatte.

[kein Linktext vorhanden] Sie haben sich entschieden, auch brutale Bilder von Leichen aufzunehmen, warum?

Bürger: Jens Hahnwald und ich zeigen, dass Gerichtsbeteiligte und viele Leute nach dem Krieg die Ereignisse wie eine Bagatelle abhandelten. Die Fotos können vielleicht helfen, klar zu sehen: Es handelt sich um grausame Massenmorde, begangen von deutschen Soldaten an drei Orten des Sauerlandes.

Aus der Geschichte lernen, geht das, und was sagt uns dieser Blick zurück nach 70 Jahren?

Gegenwärtig sieht es nicht so aus, als wenn wir aus der Geschichte lernen.

Bürger: Wir brauchen eine neue Leidenschaft für die Friedensvision in Grundgesetz und UNO-Charta: in der Gesellschaft, in Schulen, Parteien und Kirchen. Krieg und Frieden sind keine Naturprodukte. Wir müssen aufwachen und uns einbringen.

 
 

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