Giftige Zigaretten aus Hortensien-Knospen

Jürgen Kortmann
Diese Blütenpracht wird es 2012 in Meschede in vielen Gärten nicht geben - hier schlugen wieder die Hortensiendiebe zu.
Diese Blütenpracht wird es 2012 in Meschede in vielen Gärten nicht geben - hier schlugen wieder die Hortensiendiebe zu.
Foto: WAZ
Diese „Trieb-Täter“ sind wie Gespenster: Bisher ist noch nie ein Hortensiendieb erwischt worden. Sonst schnippelten sie im Frühjahr, diesmal schlagen sie bereits im Spätherbst zu.

Meschede. Diese „Trieb-Täter“ sind wie Gespenster: Bisher ist noch nie ein Hortensiendieb erwischt worden. Sonst schnippelten sie im Frühjahr, diesmal schlagen sie bereits im Spätherbst zu.

Nachdem wir vergangene Woche auf den ersten Fall aufmerksam gemacht hatten, meldeten sich Leser bei uns, die auch betroffen sind: Die Schnippler waren demnach im Mescheder Norden aktiv (wir wissen von Fällen an der Königsberger Straße, Auf der Heide, Steiler Weg, Unterm Hasenfeld), aber auch in Remblinghausen und Eversberg.

Offizielle Anzeigen bei der Polizei gibt es aber bislang nicht, sagt deren Sprecher Stefan Trelle – weder aus Meschede, Sundern, Eslohe, Schmallenberg oder Bestwig, die alle zum Gebiet des Kriminalkommissariats gehören. Womöglich hat sich das Anzeigeverhalten der Bürger verändert: Diese Diebstähle werden vermutlich gar nicht mehr angezeigt, weil die Betroffenen nicht an eine Aufklärung glauben. Schließlich war der Hortensienklau in der Vergangenheit immer wieder unterwegs. Erwischt wurde niemand. „Es gibt keine Ermittlungsansätze“, meint Trelle. Auch wenn materiell nur geringfügiger Schaden angerichtet wird: „Grundsätzlich ist das eine Straftat“, sagt er. Es handelt sich um Sachbeschädigung (weil die Pflanzen ja nicht komplett gestohlen, sondern nur Teile entfernt werden); wahlweise kommt Hausfriedensbruch hinzu, weil Hortensiendiebe inzwischen auch vor abgesperrten Grundstücken nicht zurückschrecken.

Was Gärtner sagen

Die Diebe entfernen immer sechs, sieben Zentimeter des Stiels: Die Triebe samt der Knospen, die im Sommer gereift sind. Blüten kommen dann im nächsten Jahr nicht, es bleiben nur grüne Blätter. Da stecken aber keine Pflanzendiebe dahinter, die auf Stecklinge aus sind, um diese dann zu verkaufen. Hier sind sich die Experten einig. Gärtnermeister Gerd Hötte meint: „Das lohnt sich gar nicht, die selber zu vermehren. Wir kaufen die auch als Jungpflanzen ein.“ Kreisgärtnermeister Peter Horst betont: „Da gibt es keinen Markt für.“ Jeder Gärtner, der Hortensien ziehen wolle, habe dafür auch genug Stecklinge.

Tödliche Blausäure

Bleibt also, was auch die Polizei vermutet: Da sind Kiffer am Werk, die die Hortensienteile offenbar trocknen, zerkleinern und als Zigaretten rauchen. Angeblich sollen sie wie Marihuana oder Haschisch berauschen. Wissenschaftlich belegt ist das nicht. Hortensien fallen deswegen auch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Beim Rauchen bilden sich gefährliche Blausäureverbindungen, die das Zentrale Nervensystem angreifen können. Beim Konsum der Hortensienzigaretten scheint sich ein Gefühl des Schwebens zu bilden – eben wie bei Hasch: Was die Konsumenten aber irrtümlich für einen Rausch halten, ist tatsächlich eine Vergiftung, die tödlich enden kann.

Was bei den Gartenbesitzern bleibt, ist der Ärger um ihre eingebüßte Blütenpracht und das unwohle Gefühl, dass sich die Unbekannten inzwischen eben nicht nur in Vorgärten, sondern auch wie Einbrecher hinter den Häusern herumtreiben. Polizeisprecher Trelle kann nur an die Aufmerksamkeit appellieren: „Eine gute Nachbarschaft ist wichtig. Man sollte aufpassen, wer da im Garten herumläuft.“