Der lange Weg zurück in ein Leben ohne Drogen

Mit dem Einzug in das Wohnheim, das erst vor wenigen Jahren eröffnet worden ist, ändert sich das Leben der Klienten schlagartig.
Mit dem Einzug in das Wohnheim, das erst vor wenigen Jahren eröffnet worden ist, ändert sich das Leben der Klienten schlagartig.
Foto: Frank Selter
Ein Wohnheim in Bestwig hilft Süchtigen dabei, ihre Alkohol - und Drogenabhängigkeit zu bekämpfen. 31 Klienten werden dort betreut. Sie alle haben einen schweren Weg vor sich. Besonders wichtig ist eine geordnete Tagesstruktur.

Bestwig. Er ist gerade einmal elf Jahre alt, als er seinen Kummer zum ersten Mal mit Alkohol herunterspült. Erst mit Bier. Schon zwei Jahre später mit hartem Wodka. Dann beginnt er zu schnüffeln - besorgt sich seinen Rausch mit Klebstoff und Deo. Seine Eltern sind überfordert und sehen ein Kinderheim als letzten Ausweg.

Lange hält er es dort nicht aus. Er macht Entgiftungen, Therapien. Alles ohne Erfolg. Erst mit 19 Jahren erkennt er, dass es so nicht weitergehen kann. Als sein Sohn geboren wird, fasst er den Entschluss, sein Leben endlich in den Griff zu bekommen. Dabei hilft ihm jetzt das Team des St.-Georg-Wohnheims in Bestwig.

Als Einrichtungsleiterin kennt Cornelia Steffen solche Biografien zur Genüge. Wer in das Wohnheim unweit des Bestwiger Rathauses einziehen möchte, muss sich im persönlichen Gespräch mit ihr und Fachleiterin Simone Aufmkolk vorstellen - seine Lebensgeschichte erzählen, sich auf den Zahn fühlen lassen. Das hat auch der heute 21-Jährige hinter sich. So wie 30 weitere Klienten hat er dabei glaubhaft dargestellt, dass er sich tatsächlich helfen lassen möchte. Gut ein Jahr lebt er jetzt schon in der Bestwiger Einrichtung. „Und er ist auf einem guten Weg“, sagt Cornelia Steffen und lächelt den zurückhaltenden jungen Mann freundlich an.

Schlagartige Veränderung

Mit dem Einzug in das Wohnheim, das erst vor wenigen Jahren eröffnet worden ist, ändert sich das Leben der Klienten schlagartig. „Wir sorgen dafür, dass der Alltag wieder eine feste Struktur bekommt“, erklärt Cornelia Steffen. Entsprechend straff ist das Tagesprogramm. Um 6.30 Uhr ist Wecken angesagt. „Spätestens um 7.30 Uhr sind dann fast alle aus dem Haus und machen sich auf den Weg zur Arbeit“, berichtet Simone Aufmkolk. Die Rentner, die in der Einrichtung betreut werden, bilden hier keine Ausnahme - sofern sie es möchten. „Sie gehen in dieser Zeit einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach“, erklärt Aufmkolk. Gearbeitet wird halbtags oder ganztags. Je nach Verfassung. Erst nachmittags bleibt dann Zeit für Einkäufe, Arztbesuche und sinnvolle Freizeitbeschäftigungen jenseits der Sucht. Im Fall des schüchternen 21-Jährigen gehört hierzu zum Beispiel auch ein Selbstsicherheitstraining. Bei anderen wiederum ist es ein Anti-Gewalt-Training oder ein Soziales Kompetenztraining. Es gibt unter anderem Theatergruppen, Literatur- und Kreativangebote, Suchtberatungen sowie Sportmöglichkeiten.

Begleiter im Alltag

Und Therapien? „Die haben wir in diesem Sinne hier nicht“, erklärt Cornelia Steffen und stellt klar: „Jeder, der hier einzieht, ist bereits entgiftet - also clean“. Das 22-köpfige Team sieht sich als Alltagsbegleiter. Als Helfer auf dem Weg in ein lebenswertes Leben. Manchmal fängt das schon im Kleinen an. „Viele unserer Klienten müssen sich nach dem Einzug zum Beispiel erstmal daran gewöhnen, wieder regelmäßig drei bis vier Mahlzeiten einzunehmen“, sagt Cornelia Steffen. Zu ihrer Mannschaft gehören Hauswirtschaftskräfte, die die Klienten beim Putzen und Wäschewaschen unterstützen, Heilerziehungspfleger, Erzieher, Altenpfleger, Krankenschwestern, Ergotherapeuten und Sozialarbeiter.

Persönliche Assistenten

Jeder der 31 Klienten hat im Haus einen persönlichen Assistenten. Er ist Hauptansprechpartner - im Alltag, wie auch in Krisenzeiten. „Diese enge Zusammenarbeit ist ein wichtiges Kernstück unseres Angebots“, erklärt Simone Aufmkolk. Ganz individuell werde danach geschaut, was der Einzelne benötige, um wieder auf die Beine zu kommen. „Hier bekommt jeder die Zeit, die er dafür braucht“, sagt sie. Bei manchen reicht ein Jahr, andere brauchen zehn Jahre.

So wird es auch bei dem 21-Jährigen noch eine Weile dauern, bis er sich vom Team und den anderen Klienten des Wohnheims verabschieden kann. Das weiß er selbst. „Ich traue mich immer noch nicht allein in den Supermarkt“, erzählt er offen. Er sei sich einfach nicht sicher, ob er ohne Begleitung schon stark genug sei, am Regal mit den Deo­flaschen vorbeizulaufen.

Wann auch immer seine Entlassung sein wird - wenn es soweit ist, will der 21-Jährige vor allem eins: ein guter Vater für seinen Sohn sein. „Ich will aufpassen, dass er sich nicht die falschen Vorbilder aussucht - so, wie ich es vor zehn Jahren leider getan habe.“

 
 

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