Aus Wenholthauser Kirche wird bald ein Steuerbüro

Foto: Privat / WP Meschede

Wenholthausen. Die Evangelische Kirchenkreis Wittgenstein hat gestern das Geheimnis um den neuen Eigentümer der Wenholthauser Kirche gelüftet. Eine Nachbarsfamilie hat das Gotteshaus erworben und möchte darin ein Steuerbüro einrichten.

Wenn Carina Schrade an ihre Kindheit auf der Bümmert in Wenholthausen zurückdenkt, verbindet sie das automatisch mit der evangelischen Kirche. Sie erinnert sich auch noch an den Tag, an dem sie beim Fußballspielen versehentlich eine Scheibe der St.-Matthäi-Kirche eingeschossen hatte. Das schöne Gelände mit seinen Bäumen und dem Rhododendron-Strauch sei einfach der perfekte Platz zum Spielen gewesen. „Ich bin hier oben aufgewachsen. Die Kirche war Treffpunkt für uns Bümmerter Kinder und Orientierungspunkt zugleich. Es gab genügend Raum zum Verstecken- oder Fußballspielen. Und die Kirchenglocke begleitete uns über den Tag. Morgens sind wir mit dem Läuten aufgestanden, mittags hat sie uns zum Essen gerufen und abends war es das Signal, nach Hause zu kommen“, erzählt Carina Schrade. Deshalb sie sich auch viele Gedanken gemacht, als sie im Frühjahr gehört hat, dass sich die evangelische Kirchengemeinde Dorlar von der Wenholthauser Kirche trennen will.

Unbewusster Traum

Es sei dann ihre Schwägerin gewesen, die im Sommer gefragt habe, ob die Kirche denn „nichts für sie sei“. Daran hatte Familie Schrade bis dahin nicht im Entferntesten gedacht - schließlich hatte sie erst vor vier Jahren in fast unmittelbarer Nähe der Kirche und neben Carina Schrades Elternhaus ihr Traumhäuschen gekauft und umgebaut. Die Möglichkeit, das Gebäude als Büro nutzen zu können, hatten sie selbst nicht in Erwägung gezogen.

Carina Schrades Ehemann Stephan ist seit 2005 als Steuerberater selbstständig und hat für sich und seine vier Angestellten Räumlichkeiten angemietet. Für ein Steuerbüro wäre das knapp 100-Quadratmeter-große Gebäude ideal und gegen die Nutzung der Kirche als Steuerbüro würde auch in den kirchlichen Richtlinien nichts sprechen, nachdem sie entwidmet wurde.

Carina Schrade stellt sich schon jetzt vor, wie die heute vierjährige Lili und der 15 Monate alte Paul demnächst ganz ohne Probleme von zuhause aus den Papa im Büro besuchen können. Stephan Schrade bringt es auf den Punkt: „Wir wussten nur nicht, dass das unser Traum ist.“

Einzug im Herbst 2012

Der Zeitplan sieht nun vor, dass Mitte November der Entwidmungsgottesdienst für die knapp 60 Jahre alte Wenholthauser Kirche stattfindet, nach Weihnachten wird die Kirche ausgeräumt, in der Zwischenzeit will sich das Ehepaar Schrade Gedanken über die genauen Details der Nutzung machen. Ungefähr ab Februar würden die Handwerker aktiv und sich unter anderem um Fenster und Dämmung kümmern. Für Herbst 2012 plant Stephan Schrade dann den Einzug seines Steuerbüros in die ehemalige Kirche. Dabei steht für Familie Schrade fest, dass das Gebäude als Kirche erkennbar bleiben soll. Dass sei zwar nicht schriftlich festgehalten worden, aber: „Für mich ist das Bestandteil des Vertrags“, so Stephan Schrade. Inzwischen ist der Verkauf unter Dach und Fach, der Vertrag unterschrieben. Wie die Verhandlungen verlaufen sind, macht der neue Besitzer deutlich: Er hätte gar keinen Notar gebraucht, ihm hätte ein Handschlag gereicht: „Es passt für uns und ich weiß, dass es auch für euch passt.“ „Eine ehrliche, möglichst faire Lösung ohne Feilscherei“, nennt es Jürgen Rademacher. Und auch wenn der Verkauf einer Kirche für den Pfarrer emotional schwer ist und bleibt, so ist es doch für ihn weiterhin „eine rationale Entscheidung in Verantwortung für unsere Kirchengemeinde“.

Schnell und reibungslos

Derweil reibt sich Katholik Stephan Schrade immer noch ein bisschen verwundert die Augen, dass er nach den allerersten Gedanken an einen Kauf im August inzwischen Besitzer einer evangelischen Kirche ist. Ehefrau Carina hat jedoch eine gute Erklärung dafür, dass alles so schnell und reibungslos klappte: „Es sollte wohl so sein, vielleicht hat das ja der liebe Gott für uns entschieden.“

 
 

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